Topthemen: HöllentalbrückenBrandserieHof-GalerieKaufhof-PläneGerch

Münchberg

Diskussion statt Hass und Hetze

Zu den 65 000 Menschen in Chemnitz gehörte auch der frühere Helmbrechtser Klaus Bartels. Der einstige Kämpfer gegen Atomkraft wollte vor Ort ein Zeichen für Toleranz setzen.



Klaus Bartels setzte mit seiner Frau Franziska ein Zeichen für ein offenes Miteinander. Die Schilder beschrifteten sie spontan auf der Fahrt . Fotos: privat
Klaus Bartels setzte mit seiner Frau Franziska ein Zeichen für ein offenes Miteinander. Die Schilder beschrifteten sie spontan auf der Fahrt . Fotos: privat  

Helmbrechts/Thurnau - Klaus Bartels hält mit beiden Händen sein Pappschild in die Höhe. Die Bands, die hier in Chemnitz spielen, sind dem 71-Jährigen im Grunde egal. Er ist hier, um gegen Rechtsextremismus zu protestieren. Es sind viele andere hier, die Transparente in die Luft halten. Darauf sind viele ernste Sprüche zu lesen, aber auch: "Kekse statt Nazis!" Gemeinsam mit seiner Frau und fünf Freunden hat sich Bartels auf den Weg gemacht. Ganz spontan. Die Schilder haben sie auf dem Weg im Auto beschriftet. Um den Alt-68er herum stehen vor allem junge Menschen. Sie sind aus der ganzen Republik gekommen, um gegen Rechtsextremismus auf die Straße zu gehen.

Klaus Bartels und seine Freunde setzen sich zeit ihres Lebens für einen offenen Diskurs ein. Jeden ersten Montag in Monat treffen sie sich zum sogenannten Montagsgespräch in Thurnau, in den Ausstellungsräumen von Bartels Holzwerkstatt. Unter dem Titel "Werkstatt für Menschlichkeit" laden sie zu Poetry-Slams und Vorträgen ein.

Diskutieren, sich einsetzen und kämpfen für eine gute Sache - das war schon immer ein Teil des Lebens von Klaus Bartels. Einst einer der führenden Köpfe in der Anti-Atombewegung, kam er Ende der 1970-er-Jahre nach Helmbrechts. Er war Gründungsmitglied der Grünen, lange Zeit Kreisrat in Hof, vor allem aber setzte er sich dafür ein, alternative Lebensweisen populärer zu machen. Dabei ging er als Selbstversorger gemeinsam mit seiner Familie in der Hopfenmühle bei Helmbrechts mit gutem Beispiel voran. Und im Einsatz gegen die Atomkraft setzte er te Zeichen. In einem Interview mit der MHZ erzählte er vor einigen Jahren, wie er und seine Kameraden damals ausrechneten, dass ein angedachtes Kernkraftwerk in Viereth bei Bamberg eine radioaktive Wolke innerhalb von eineinhalb Stunden nach Münchberg bringen würde.

"Dieses Beispiel und noch viele andere Informationskampagnen, über die sogar das Fernsehen berichtete, haben unserer kleinen Anti-AKW-Bewegung eine Menge Zulauf gebracht", so Bartels. Sein Engagement blieb vor Ort nicht ohne Folgen. So fuhren zu einer Demonstration gegen das Atomkraftwerk Brockdorf damals zum Beispiel mehr als 60 Menschen aus Helmbrechts und Münchberg.

Heute nun beobachtet er mit großer Sorge das Erstarken der Rechten in Deutschland. "Keiner kann verstehen, was da in den letzten Wochen passiert ist. Wie es sein kann, dass ein rechtsradikaler Mob Ausländer verprügelt und durch die Stadt jagt", sagt Bartels. Für ihn und seine Freunde sei der Gedanke daran der blanke Horror. Sie beschlossen, Präsenz zu zeigen und nach Chemnitz zu fahren. Zu siebt haben sie sich auf den Weg in den Osten gemacht.

Die Reise nach Chemnitz hat sich für Klaus Bartels gelohnt: "Die Stimmung war wunderbar." Der 71-Jährige suchte bewusst das Gespräch mit Einheimischen. Er wollte wissen, wie sie den Rechtsruck aushalten, der in Sachsen noch deutlicher zutage tritt als in anderen Bundesländern.

"Die Menge der Leute und die positive Stimmung haben mich beeindruckt", sagt der frühere Helmbrechtser. Im Gedächtnis geblieben ist ihm ein Mann aus Hoyerswerda, der seine Kinder dabei hatte. Im Shuttlebus kamen sie ins Gespräch. Der Mann erklärte, dass er seinen Kindern eine andere Wirklichkeit zeigen wolle als die, die die Rechten verbreiten. Rechte Ausschreitungen wie die in der vergangenen Woche sollten sie nie wieder erleben.

Ein Vorwurf an die jungen Menschen lautete, sie seien nur wegen der Konzerte nach Chemnitz gekommen. Doch diesen Eindruck kann Bartels nicht bestätigen. Die, mit denen er gesprochen hat, wollten mit ihrer Teilnahme zeigen, dass sie nicht zusehen werden, wie der "rechte Mob" die Straße erobert.

Dass ein Konzert nicht genug ist, um sich dauerhaft gegen Rassismus einzusetzen, das wissen alle, sagt Bartels. Der 71-Jährige ist aber froh, dass er, seine Frau und seine Freunde eines zeigen konnten: "Dass wir mehr sind." Das Konzert habe Menschen aus der ganzen Bundesrepublik verbunden.

Einfach nur gegen Rechtsextremismus zu sein, hält Bartels aber nicht für die Lösung des Problems. Man müsse vielmehr auf ein positives Wertesystem setzen und die Kostbarkeit der Demokratie in den Vordergrund stellen. Sie wollen sich weiterhin treffen, zu ihren Montagsgesprächen, und auch weiterhin zu Demonstrationen fahren. Klaus Bartels sagt: "Wir wollen Offenheit. Ein Miteinander statt Gegeneinander."

Autor

Chiara Riedel
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
06. 09. 2018
19:42 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Anti-Atomkraftbewegung Atomkraftwerke Freunde Hass Lebensweisen Rechtsradikalismus Toleranz
Helmbrechts Thurnau
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Im tiefblauen Trikot: Michael Bittner steht beim VfL Bochum unter Vertrag - und zwar als E-Sportler. Auf dem Gelände des Fußball-Zweitligisten steht der Helmbrechtser Rede und Antwort.

13.10.2017

Der Profi-Zocker

Michael Bittner ist beim VfL Bochum unter Vertrag – aber nicht als Fußballer, sondern als E-Sportler. Beim Fußball-Zweitligisten sitzt der Helmbrechtser jetzt vor der Konsole. Aber warum eigentlich? » mehr

Die Startplätze für den Frankenwald-Wandermarathon sind für gewöhnlich schnell ausverkauft. Auch in diesem Jahr erwarten die Veranstalter 1200 Wanderer.

18.09.2018

Auf 44 Kilometern durch den Frankenwald

Der Frankenwald-Wandermarathon hat einmal mehr eine reizvolle Strecke zu bieten. Von Helmbrechts aus geht es auf eine erlebnisreiche Tour durch die Natur. » mehr

"Entwicklungspotenzial gibt es an jeder Schule": Die neue Leiterin Karin Rüsing will zum Beispiel den Schulhof verschönern, die Leseförderung ausbauen und E-Mail-Adressen für Lehrer einrichten. Foto: cs

18.09.2018

Neue Chefin in der Grundschule

Karin Rüsing leitet seit vergangener Woche die Otto-Knopf-Schule. Die Aufgabe reizt sie, obwohl sie in große Fußstapfen treten muss. Sie will einiges anstoßen. » mehr

"Entwicklungspotenzial gibt es an jeder Schule": Die neue Leiterin Karin Rüsing will zum Beispiel den Schulhof verschönern, die Leseförderung ausbauen und E-Mail-Adressen für Lehrer einrichten. Foto: cs

18.09.2018

Neue Chefin im gut geführten Haus

Karin Rüsing leitet seit vergangener Woche die Otto-Knopf-Grundschule. Die Aufgabe reizt sie, obwohl sie in große Fußstapfen treten muss. Sie will einiges anstoßen. » mehr

Christian Findeiß aus Meierhof hat die Futtermittelknappheit heuer noch nicht heftig zugesetzt. Und doch: Wenn es im nächsten Jahr erneut so trocken wird, hat auch er ein echtes Problem.	Archiv-Foto: Claudia Sebert

11.09.2018

Futtermittel werden knapp

Landwirte müssen auf Reserven zurückgreifen. Noch ist die Lage nicht allzu bedrohlich. Doch sollte auch nächstes Jahr Trockenheit herrschen, wird es richtig ernst. » mehr

Pascal Bächer

13.01.2017

"BeToRe" in Helmbrechts macht Pause

Erstmals seit 13 Jahren fällt die Veranstaltung aus. Nicht komplett allerdings. Am 21. Januar gibt es einen kleinen Ersatz. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Miniserie "Arthurs Gesetz" Oberfranken

Die Region in Film und Fernsehen | 20.09.2018 Oberfranken
» 14 Bilder ansehen

Regnitzlosauer Open Air

Regnitzlosauer Open Air | 16.09.2018 Regnitzlosau
» 30 Bilder ansehen

HofRegatta 2018 in Tauperlitz

HofRegatta 2018 in Tauperlitz | 17.09.2018 Tauperlitz
» 168 Bilder ansehen

Autor

Chiara Riedel

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
06. 09. 2018
19:42 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".