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Länderspiegel

Das Wunderprogramm, das keines war

Ein Algorithmus soll Anlegern phänomenale Renditen bringen. Das zumindest versprachen zwei Männer, die dafür nun heute ein Urteil erwarten.



Hof/Coburg - Die Geschichte klang fantastisch: Sie handelte von einem Computerprogramm, das technisch so überlegen ist, dass es beim sekundenschnellen Spekulieren mit Währungen praktisch nur Gewinn machen kann. Allein: Das Programm hat es nie gegeben und alle die daran glaubten, haben nur Geld verloren.

Für den angeblichen Eigentümer des Wunderprogramms, den 71-jährigen Gerd M., hat Staatsanwalt Dr. Michael Funck jetzt eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren beantragt. Nach fast vier Monaten Verhandlung vor der dritten Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Hof ist Funck davon überzeugt, dass alle Vorwürfe der Anklageschrift sich bestätigt haben. Demnach hat der Rentner aus dem Landkreis Coburg zehn Anleger vornehmlich aus dem Raum Berlin in den Jahren 2014 und 2015 um insgesamt 1,9 Millionen Euro geprellt.

Den Kontakt zu den Anlegern vermittelte der 46-jährige aus Marktredwitz stammende Thorsten B. Für ihn forderte der Staatsanwalt eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten. Wegen seiner schweren Abhängigkeit von Alkohol und Aufputschmitteln soll er nach der Untersuchungshaft jedoch für eine geschlossene Therapie in der forensischen Abteilung einer Suchtklinik untergebracht werden.

Die Angeklagten waren keineswegs die erfolgreichen Geschäftsmänner, die sie vorspielten, sondern vielmehr völlig abgebrannt. Der mehrfach vorbestrafte Kleinrentner Gerd M., der nicht nur eine erfolgreiche US-Firma, sondern auch ein Hotel in London als sein Eigentum angab, konnte noch nicht einmal Englisch sprechen. Trotzdem überließen ihm die Anleger, darunter die Schauspielerin Xenia Seeberg, hohe Summen zur Geldanlage. Der glühende Fan des Schlagerstars Helene Fischer gab an, dass sie zu den Anlegern gehöre und für ihn Werbung mache. Auch das wurde ihm geglaubt. Selbst Rechtsanwälte lösten ihre Lebensversicherung auf und legten bei dem Rentner an - für eine angebliche Monatsrenditen von über 20 Prozent. Doch die Auszahlungen stammten aus dem Geld anderer Anleger.

Ein klassisches Schneeballsystem, sagte Staatsanwalt Funck. Er hielt Gerd M. zugute, dass dieser wiederum einen Teil der Kundengelder an betrügerische Internet-Broker verlor. Zudem hätten zwei russischstämmige Berliner Geschäftsleute sechsstellige Summen eingezahlt, die "im Zweifel nicht aus legalen Quellen stammten". Wie Torsten B. glaubhaft schilderte, habe einer dieser Geschäftsmänner Selbstjustiz geübt und ihm dabei drei Finger fast abgeschnitten. Dies werde ihn lebenslänglich beeinträchtigen.

Darauf wies auch der Verteidiger von Thorsten B., der Frankfurter Anwalt Achim Groepper, hin. Beide Anleger stünden mit schweren Gewaltverbrechen in Verbindung und auch ein weiterer Anleger, ein Berliner Rechtsanwalt, sei eine "höchst dubiose Figur". Groepper schilderte, dass sein Mandant alle Bedenken beiseite geschoben habe, um das Geld für seine Drogensucht zu verdienen. Er hielt eine Freiheitsstrafe "mit einer drei vor dem Komma" für seinen Mandanten für ausreichend.

Auch der Verteidiger von Gerd M. der ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete Heinrich Schnell, hielt den Strafantrag der Staatsanwaltschaft für zu hoch. Er wies darauf hin, dass sein Mandant selbst an die spekulativen Geschäfte geglaubt habe. Heute sitze der 71-Jährige völlig vereinsamt im Gefängnis. Vier Jahre Haft seien für ihn ausreichend.

Das Urteil soll am heutigen Dienstag um 14 Uhr verkündet werden.

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Joachim Dankbar

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Veröffentlicht am:
17. 04. 2018
00:15 Uhr

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17. 04. 2018
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