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Länderspiegel

"Ich wollte sie nicht töten!": Angeklagter aus Raum Naila bestreitet Absicht

Der Auftakt des Prozesses um die "Leiche am Feringasee" bringt einiges ans Tageslicht. In entscheidenden Punkten aber widerspricht die Verteidigung vehement.



Kurz vor Prozessbeginn: der Angeklagte und sein Kulmbacher Rechtsanwalt Alexander Schmidtgall im Münchner Landgericht. Foto: Sven Hoppe/dpa
Kurz vor Prozessbeginn: der Angeklagte und sein Kulmbacher Rechtsanwalt Alexander Schmidtgall im Münchner Landgericht. Foto: Sven Hoppe/dpa  

München/Naila - Wenn es so war, wie es in der Anklageschrift steht, dann war es Mord. Und dafür gibt es nur eine Strafe: lebenslange Haft. Thomas M. (Name von der Redaktion geändert ) weiß sicher, was die Staatsanwaltschaft ihm gleich vorwerfen wird, als er an diesem Montagmorgen den Sitzungssaal 175 am Münchner Landgericht I betritt und sich direkt neben seinen Verteidiger in die zweite Reihe setzt. Das ist eher ungewöhnlich. Normalerweise sitzt der Angeklagte immer eine Reihe davor, doch die Sicherheitsleute lassen ihn gewähren. Auch sie merken: Eine Gefahr geht aktuell nicht von ihm aus. Der Beschuldigte sucht augenscheinlich ein wenig Halt.

Es gibt keinen Zweifel. Thomas M. hat am 8. September 2017 gegen 20.30 Uhr seine langjährige Freundin Beatrice F. getötet (wir berichteten). Er gibt es selbst zu. Die Frage ist nur: War es tatsächlich heimtückischer Mord, wovon die Staatsanwaltschaft überzeugt ist? Hat er sich wirklich an jenem Abend - oder schon zuvor - entschlossen, die 35-Jährige kaltblütig zu töten? Oder war es "ein schreckliches Unglück", wie der Angeklagte behauptet?

Dr. Laurent Lafleur, der Staatsanwalt, holt ein wenig aus. Erzählt von der Affäre, die M. im Juni mit einer Frau an deren Wohnort Prag begonnen hat. Dass er sich in sie verliebt habe, dass die beiden sich anschließend täglich bis zu 40 Nachrichten schrieben, dass sie sich erneut trafen, zunächst in Prag, später in Nürnberg. Und dass die Geliebte ihn während einer Geschäftsreise von Beatrice F. in München für mehrere Tage besuchen sollte. Dass Thomas M. seit Jahren in einer Beziehung lebte, davon wusste sie offenbar nach nichts.

Die Tragödie beginnt, als Beatrice F. aus Lyon zurückkehrt. Das verliebte Paar hält sich zu diesem Zeitpunkt noch nichts ahnend in der Münchner Innenstadt auf. Erst ein Anruf seiner Partnerin, in dem sie ihm mitteilt, dass sie auf dem Heimweg sei, rüttelt M. auf. Er eilt nach Hause, noch glaubt er, die Spuren rechtzeitig beseitigen zu können. Doch Beatrice ist vorher da - und findet in der gemeinsamen Wohnung einen Koffer und Kleidungsstücke der Geliebten.

Es kommt zum Streit, nicht zum ersten Mal in der Beziehung. Was dann passiert, darüber gehen die Darstellungen weit auseinander. Der Staatsanwalt ist der Überzeugung, dass die Geliebte der Grund dafür ist, dass Beatrice F. an diesem Abend sterben musste. "Er wollte", sagt Lafleur, "mit seiner neuen Freundin ein neues Leben beginnen. Dabei war Beatrice das Hindernis, das es aus dem Weg zu räumen galt." Die Ermittler sind überzeugt, dass Thomas M. seiner Freundin eine blutende Verletzung am Bauch zufügte, ehe er sie niederschlug, ihr einen Sechs-Liter-Gefrierbeutel über den Kopf zog, den Hals mit einer Kordel umschnürte und sie so lange drosselte, bis sie an zentraler Lähmung verstarb.

Der Verteidiger, der Kulmbacher Rechtsanwalt Alexander Schmidtgall, sowie der Angeklagte selbst bestreiten dies. M. verliest eine mehrseitige Erklärung. Anfangs stockt er häufig. Immer wieder kommen ihm Tränen. Er entschuldigt sich zwei Mal bei der Mutter der Getöteten, die im Prozess als Nebenklägerin auftritt. Die Frau aber verzieht keine Miene, auch nicht, als er sagt: "Ich kann ein Jahr danach noch nicht fassen, was passiert ist. Ich verabscheue mich selbst." Er wünsche sich, alles ungeschehen machen zu können.

Zur Tat selbst räumt er ein, dass es zu Handgreiflichkeiten gekommen sei. Er und Beatrice F. hätten gerangelt, er habe sie im Schwitzkasten gehalten und versucht, sie zu beruhigen. Doch sie habe sich gewehrt und immer lauter geschrien. "Ich habe dann fester gedrückt. Irgendwann fielen wir beide hin und plötzlich lag sie regungslos auf mir." Wie genau das passiert sei, könne er nicht sagen.

Unstrittig ist der weitere Verlauf bis zu seiner Festnahme einige Tage später. Thomas M. trifft sich in der Stadt wieder mit seiner Geliebten, verbringt die Nacht mit ihr in der Wohnung, während seine Lebensgefährtin tot im Keller liegt.

Am folgenden Tag fährt er mit seiner Geliebten nach Schloss Neuschwanstein. "Ich weiß, dass mein Verhalten danach abstoßend und menschenverachtend klingt", liest der 33-Jährige am Montag vor, während sein Anwalt erklärt: "Er war in dem Moment heillos überfordert. Eine absolute Ausnahmesituation."

Um die Tat zu vertuschen, verschickt M. in den folgenden Tagen mehrfach SMS-Nachrichten vom Handy der Toten. An ihre Mutter, an Freunde und an sich. Der letzte Text an sich selbst lautet: "Komme jetzt heim zu meinem Kuschelkuchen." In der realen Welt bringt er den Leichnam zwei Tage nach der Tat an den Feringasee, einem Badegewässer im Münchner Norden, übergießt ihn auf dem Parkplatz mit Benzin und zündet ihn an. Anschließend meldet er Beatrice F. bei der Polizei als vermisst.

Das Paar hatte sich im Jahr 2010 am Arbeitsplatz in Rehau kennen- und lieben gelernt. Sie zogen gemeinsam nach München, stiegen beruflich und gesellschaftlich auf, fanden Freunde, hatten gemeinsame Hobbys wie Golfspielen und Wandern. Gleichzeitig aber, so zumindest berichtete es am Montag Thomas M., habe die körperliche Anziehungskraft zunehmend abgenommen. Deshalb sei es auch beiderseits zu sexuellen Abenteuern gekommen.

Nachfragen zur Tat ließ der Angeklagte auf Anraten seines Anwaltes zunächst nicht zu. Auf die Frage, wie er sich ein Leben nach der Haftstrafe vorstellen könnte, sagte er, er werde dann womöglich nach Berlin gehen, "weil ich hier in München ja wahrscheinlich keine Zukunft mehr habe". Der Prozess soll morgen fortgesetzt werden.

Autor

Alexander Wunner
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Veröffentlicht am:
10. 09. 2018
12:38 Uhr

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Alexander Wunner

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10. 09. 2018
12:38 Uhr



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