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Länderspiegel

Schlag gegen die Kinderporno-Szene

Ein Würzburger soll mehrere Kinder sexuell missbraucht haben. Bald beginnt sein Prozess. Dank seiner Dateien ist die Kripo auf die Spur weiterer Perverser gekommen.



Der Bamberger Generalstaatsanwalt Thomas Janovsky, Justizminister Georg Eisenreich und der stellvertretende ZCB-Leiter, Oberstaatsanwalt Thomas Goger (von links), bei der Pressekonferenz. Foto: Joachim Dankbar
Der Bamberger Generalstaatsanwalt Thomas Janovsky, Justizminister Georg Eisenreich und der stellvertretende ZCB-Leiter, Oberstaatsanwalt Thomas Goger (von links), bei der Pressekonferenz. Foto: Joachim Dankbar  

Bamberg - In einem der spektakulärsten Fälle von Kindsmissbrauch, der Bayern in den letzten Jahren erschütterte, sind die polizeilichen Ermittlungen abgeschlossen. Gegen einen Logopäden aus Würzburg, der in seiner Praxis und in Kindertagesstätten kleine Jungen vergewaltigt haben soll, wird gegenwärtig bei der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg die Anklageschrift verfasst. Der Prozess könnte in den ersten Monaten des kommenden Jahres beginnen. Dies sagte Generalstaatsanwalt Thomas Janovsky.

Nach Überzeugung der Ermittler hat der 37-jährige Oliver H. in den vergangenen sieben Jahren sieben Jungen im Alter von unter sechs Jahren missbraucht. Die Staatsanwaltschaft geht von 78 Taten aus, davon 45 Fällen des schweren sexuellen Missbrauchs.

Dabei habe sich Oliver H. offensichtlich gezielt Opfer gesucht, die durch hochgradige körperliche und geistige Behinderungen oder Entwicklungsstörungen besonders schutzlos waren. Von ihnen habe er wohl angenommen, dass sie sich nicht durch Meldungen an die Eltern oder Erzieher wehren würden. Zudem habe der Logopäde das Vertrauen ausgenutzt, das ihm als Therapeut entgegengebracht wurde. Schauplätze der Taten seien seine Praxen und zwei Kindertagesstätten gewesen. Die Ermittler gehen davon aus, dass Oliver H. sich immer nur ein Opfer suchte und es solange missbrauchte, bis der Behandlungsvertrag endete oder das Kind die Einrichtung verließ.

Oliver H. flog auch deshalb auf, weil er seine Misshandlungen auch noch dokumentierte und in einschlägigen Foren im Internet mit Gleichgesinnten tauschte. Aus diesem Grund übernahm nach den ersten Verdachtshinweisen am 15. März dieses Jahres auch die bei der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg angesiedelte "Zentralstelle Cybercrime Bayern" (ZCB) die Leitung der Ermittlungen.

Am 20. März fand bei Oliver H. eine Hausdurchsuchung statt, bei der er festgenommen wurde. Die Kripobeamten und Staatsanwälte erwischten den Logopäden in flagranti: Er beschäftigte sich gerade an seinem Computer mit seiner Pornosammlung. "Das hat uns die Arbeit schon erleichtert", kommentierte Janovsky. Anders als in ähnlichen Verfahren habe man weit weniger mit verschlüsselten Daten kämpfen müssen. Insgesamt seien bei Oliver H. 23 000 kinderpornografische Bilder und Videos sichergestellt worden. Die wenigsten davon stammten von seinen Opfern, er habe sie in den dunklen Ecken des Internets zusammengetragen.

Dafür habe die ZCB den idealen Zugriff genutzt, um diese Szene so weit wie möglich auszuleuchten und Mittäter zu stellen. Janovsky: "Wir wollten wissen, wo er im Netz unterwegs ist und wer dort noch ist." Der Erfolg: Zehn weitere Beschuldigte im In- und Ausland wurden ermittelt, 42 weitere Verfahren gegen unbekannte Täter laufen noch. Janovsky schilderte den Fall eines Pädophilen, der im Darknet mehrere Videos von abstoßenden Missbrauchsfällen veröffentlicht hatte. In einem der Videos habe sich ein kleiner Junge in einem Kellerabteil gegen seinen Missbrauch gewehrt und weinend nach seiner Mutter gerufen.

Wie sich im Laufe der Ermittlungen ergab, hatte der Mann gerade erst die Mutter eines anderen fünfjährigen Kindes kennengelernt und plante dessen Missbrauch. Mit hohem technischen Aufwand sei es gelungen, den Mann zu identifizieren. In einem europäischen Nachbarland sei er gerade noch rechtzeitig vor neuen Missbrauchsfällen verhaftet und inhaftiert worden.

Ermittelt wurden auch zwei Betreiber einer Kinderpornoseite sowie sieben ihrer Nutzer. "Uns geht es auch darum, die Szene zu beunruhigen", sagte Janovsky, "niemand soll sich im Darknet sicher fühlen."

Der bei der Pressekonferenz anwesende bayerische Justizminister Georg Eisenreich forderte vom Gesetzgeber mehr Instrumente für die Fahndung nach Kindersex-Tätern. Auch die Täter rüsten offenbar auf: So seien die Daten einiger Bilder so manipuliert gewesen, dass sie
als Aufnahmeort makabrerweise
das Lenin-Mausoleum in Moskau angeben.

Der Aufwand im Würzburger Fall war immens: Über 60 Beamte der Würzburger Kriminalpolizei und drei Staatsanwälte hätten in einer Sonderkommission zusammengearbeitet, schilderte Thomas Janovsky. Dazu kamen etliche Spezialisten der ZCB und des Landeskriminalamtes bei der Auswertung der beschlagnahmten Datenträger. Angesichts des offensichtlichen Leides der Kinder sei dies eine schwere Aufgabe gewesen. Ausdrücklich lobte Janovsky die Würzburger Kripo für die beispielhafte Betreuung der Eltern.

Oliver H. gilt als Einzeltäter, weitere Beschuldigte gibt es nicht, sagte der stellvertretende ZCB-Leiter, Oberstaatsanwalt Thomas Goger. Auch der anfängliche Verdacht gegen den Ehemann von Oliver H. habe sich nicht bestätigt, er habe von nichts gewusst. Es gebe auch keinerlei Hinweise, dass die Erzieher in den betroffenen Würzburger Kindertagsstätten etwas gewusst oder schuldhaft gehandelt hätten.

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Joachim Dankbar

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Veröffentlicht am:
30. 09. 2019
12:45 Uhr

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Joachim Dankbar

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30. 09. 2019
12:45 Uhr



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