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Länderspiegel

Warum ausgerechnet Klopapier?

Wegen des Corona-Virus sind derzeit irgendwie alle völlig von der Rolle! Das öffentliche Leben steht still. Grenzen sind dicht. Kontakte sollen eingeschränkt werden. Man sollte etwas zu Hause haben für den Fall der Fälle. Aber warum ausgerechnet Toilettenpapier?



Am Samstagnachmittag sind nicht nur in Hof in nahezu allen Einkaufsmärkten die Regale und Paletten leer, die sonst mit dem Papier für das stille Örtchen bestückt sind. „Um 12 Uhr kam die neue Lieferung. Die Kollegin konnte nicht mal einräumen. Um 13 Uhr war die Palette leer“, die Kassiererin kann die Frage, „warum ausgerechnet Klopapier“ nicht beantworten. Sie hebt die Schultern und schüttelt den Kopf. „Ich habe zu Hause wirklich keins mehr“, sagt sie und ist nicht die Einzige, die keine Antwort auf die Frage hat: Warum ausgerechnet Klopapier.

Bilder und Kommentare in den sozialen Medien beschäftigen sich damit. Es kursieren Videos, in denen mit einzelnen Blättern des heißbegehrten Rollenpapiers Kaffee bezahlt und der Verkäufer bestochen wird. Aber nicht nur Hakle ist die neue Währung. Auch Werra Krepp in Wernshausen im Landkreis Schmalkalden-Meiningen hat in Sonderschichten für Nachschub gesorgt.

Einzelhändler können das Verhalten nicht nachvollziehen. Für sie kam der Ansturm auf das Toilettenpapier völlig überraschend, sagt beispielsweise Bernd Ohlmann, Pressesprecher des Bayerischen Handelsverbandes. Selbst in Baden-Württemberg wird – wie früher zu DDR-Zeiten – die Abgabe von Toilettenpapier auf eine Packung beschränkt.  Die Angst, dass in der Quarantäne plötzlich das Toilettenpapier ausgehen könnte, ist den Supermarkt-Regalen zufolge ein allgemeingültiges Gesellschaftsphänomen. Mit Lieferengpässen ist dennoch nicht zu rechnen.

Auf Ebay bieten „Spaßvögel“ einzelne Rollen für mehr als 350 Euro oder benutzte Blätter als nachhaltige Mehrweg-Variante an. In Kommentaren in sozialen Netzwerken wird spekuliert: „Einer niest und fünf andere machen sich dann vor Angst in die Hose. Das wird der Grund sein.“ „Die Leute sehen halt die fast leeren Regale und denken sich, das muss ich auch haben.“ Oder „Weil die Leute, mit der eigentlichen Nofallplanung überfordert sind. Da kaufen sie halt irgendwas, so wie Klopapier, Nudeln und Mehl. Beruhigt die Seele.“ Bis dahin, dass es als Lebensmittel-Ersatz dienen könnte: „Es wird nicht schlecht und vielleicht kann man es einweichen und zu Brei pürieren, wenn Lebensmittel knapp werden“, überlegen andere.

Das greift auch der Postillon, die Satire-Website schlechthin, auf. Veröffentlicht werden Rezepte zur Verarbeitung von Toilettenpapier mit Nudeln: „Die Königin unter den Speisen: Klopapier einweichen, Klopapierkartonstücke hinzugeben und das Ganze zwei Stunden lang köcheln lassen. Nudeln al dente kochen. Klopapier-Gulasch-Soße drüber geben. Köstlich! Bon appétit!“

Weniger lustig ist, dass es tatsächlich Menschen mit Essstörungen gibt, die Blätter frischen Klopapiers verspeisen, um den Magen zu füllen und Hungergefühl zu unterdrücken. Doch es ist wohl nicht davon auszugehen, dass jetzt plötzlich alle das für den unteren Teil des Körpers bestimmte Papier zu Munde führen und an den Anfang der Ernährungskette stellen.

Und es nicht nur ein deutsches Phänomen: Der Einkaufsmogul mit den mit A beginnenden vier Buchstaben teilt mit, dass seit seinem Einstieg 2005 in der Schweiz es noch nie solch ein Kaufverhalten wie jetzt gegeben habe – inklusive Hygieneartikeln wie Toilettenpapier. Da wird ein Video wie wild geteilt, in dem sich in einem australischen Supermarkt drei Frauen schubsen und an den Haaren ziehen, um die letzte Packung des gerollten Po-Papiers zu ergattern. Die Coronavirus-Klopapier-Krise in Australien schlug noch anders Wellen: Die Bestellung eines Paares ging völlig in die Hose. Online orderte es 48 Rollen feinstes Bambus-Papier. Ein kleiner Vorrat für ihre vierköpfige Familie. Je nach Stuhlgang kommt man damit locker über zwei Wochen aus.  Ein paar Klicks später wurde das ersehnte weiße Papier-Gold geliefert. Mit einer, im wahrsten Sinne des Wortes, großen Überraschung, berichtet die "Daily Mail". Statt der gewünschten 48 Rollen hatte das Paar 48 Pakete! Insgesamt macht das sage und schreibe 2304 Rollen Klopapier. Für umgerechnet schlappe 2892 Euro.  Die Familie kommt grob geschätzt etwa 12 Jahre damit aus!

Ausgerechnet China

Und noch etwas hat offenbar keiner bedacht, der sechs bis acht Pakete im Einkaufswagen zum Auto karrt: Die erste Erwähnung von Toilettenpapier findet sich ausgerechnet in China. Laut Wikipedia für das China des 6. Jahrhunderts. „Der Gelehrte Yan Zhitui (531–591) schrieb im Jahr 589: „Ich würde es nie wagen, Papier mit Zitaten oder Kommentaren aus den Fünf Klassikern oder Namen von Weisen darauf für die Toilette zu verwenden.“ Im Jahr 851 schrieb ein Reisender: „Sie (die Chinesen) sind nicht sehr sorgfältig mit Sauberkeit, und sie waschen sich nicht mit Wasser, wenn sie ihr Geschäft erledigt haben, sondern wischen sich nur mit Papier ab.“ Für das frühe 14. Jahrhundert findet sich in Aufzeichnungen für den Raum der heutigen Provinz Zhejiang eine jährliche Produktion von 10 Millionen Packungen mit je 1000 bis 10.000 Blatt Toilettenpapier. Der kaiserliche Hof in Nanjing verbrauchte 1393 etwa 720.000 Blatt mit einer Größe von 2 × 3 Fuß. Kaiser Hongwu und seine Familie verbrauchten in diesem Jahr 15.000 Blatt einer besonders weichen und parfümierten Toilettenpapiersorte.“ Die Chinesen waren es also wieder.

Doch zurück zur Klopapier-Panik in Corona-Zeiten. Es bringt nichts, massig Toilettenpapier zu bunkern. Es bringt auch nichts, wieder aus Krankenhäusern, Arztpraxen - wie mit Desinfektionsmittel vielerorts geschehen - auch noch Klopapier zu klauen. Der Corona-Virus ist nicht zu verwechseln mit dem Norovirus – was die wohl einzig wirkliche Erklärung für das derzeitige Phänomen wäre. Nicht bedacht haben offenbar jene, die 2- bis 4-Lagige gehortet haben, noch was ganz Anderes: Die Blätter und Rollen könnten durchaus ein Zerfallsdatum haben (Papiermilben und Silberfischchen noch nicht eingerechnet). Bei zu häufiger Benutzung droht zudem der Wundfaktor. Bevor jetzt aber alle noch die Apotheken stürmen, um sich für den Fall der Notfälle mit Wundsalbe einzudecken, sollte das Solidarprinzip greifen. Gehortete Mengen können auch gespendet oder auch verschenkt werden. So, wie es gerade auch die australische Familie tut: Das aus Versehen zu viel bestellte „Weiße Gold“ geben sie zu großen Teilen an Freunde, Familie und Bekannte.

Und was noch? Jetzt fangen wir mal ernsthaft drüber nachzudenken, was tatsächlich notvorrätig sein sollte.  In Maßen.

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Von Cornelia Bauer
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Veröffentlicht am:
16. 03. 2020
13:04 Uhr

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16. 03. 2020
13:04 Uhr



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