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Raus aus der Welt ohne Buchstaben

7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland gelten als Analphabeten. Das Mehrgenerationenhaus in Rehau möchte diesem Problem entgegenwirken.



Monika Appelsmeier vom Mehrgenerationenhaus der Diakonie Hochfranken in Rehau mit den Flyern "Nie mehr eine Welt ohne Buchstaben". Foto: Uwe von Dorn
Monika Appelsmeier vom Mehrgenerationenhaus der Diakonie Hochfranken in Rehau mit den Flyern "Nie mehr eine Welt ohne Buchstaben". Foto: Uwe von Dorn  

Rehau - Ob E-Mails, Bücher oder den Beipackzettel eines Medikaments - für die meisten Menschen ist es selbstverständlich, lesen zu können. Analphabeten, so glaubt man, gibt es höchstens in den Entwicklungsländern - dort, wo viele Kinder nicht in die Schule gehen können. Doch das ist falsch: Auch in Deutschland gibt es rund 7,5 Millionen Analphabeten.

Multiplikatoren-Workshop

Ein erster Multiplikatoren-Workshop für das Programm "AlphaDekade" und ein "Alpha-Kurzdiagnostik"-Kurs finden am 12. Juli im Mehrgenerationenhaus in Rehau statt. Hier treffen sich die Beauftragten aus den Mehrgenerationenhäusern Bayreuth, Memmingen und Lichtenfels.


Durch die Initiative des Bundesbildungsministeriums "AlphaDekade" sollen deshalb Erwachsene beim Erwerb von Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen besser unterstützt werden. Das Programm läuft bis 2026. Das Mehrgenerationenhaus der Diakonie Hochfranken in Rehau macht dabei mit. Bei einem Vorgespräch stellte Monika Appelsmeier das Programm und die Flyer "Nie mehr eine Welt ohne Buchstaben" vor und erklärte die Hintergründe dazu.

In 170 Mehrgenerationenhäusern werden Alphabetisierung und Grundbildung im Rahmen der "AlphaDekade" zusätzlich gefördert. "Wir entwickeln neue Handlungskonzepte, um Erwachsene mit Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben zu unterstützen", sagt Monika Appelsmeier.

Das Mehrgenerationenhaus in Rehau bietet in diesem Rahmen Betroffenen Hilfe in einem "Lerncafé" an, stellt dafür Räume zur Verfügung und organisiert die Zusammenarbeit mit der Volkshochschule. Zur Vorbereitung müssen alle Beauftragten Schulungen machen. Dazu findet ein erster Multiplikatoren-Workshop und ein "Alpha-Kurzdiagnostik"-Kurs am 12. Juli im Mehrgenerationenhaus in Rehau statt. Hier treffen sich die Beauftragten aus den Mehrgenerationenhäusern Bayreuth, Memmingen und Lichtenfels. Leiterin des Multiplikatoren-Workshops wird Hella Krusche vom Bayerischen Volkshochschulverband sein und Kathrin Merz wird als Dozentin den "Alpha-Kurzdiagnostik"-Kurs leiten.

7,5 Millionen erwachsene Menschen in Deutschland sind "funktionelle Analphabeten". "Das heißt, sie können zwar Buchstaben, Wörter und einzelne Sätze lesen und schreiben, haben jedoch Mühe, einen längeren zusammenhängenden Text zu verstehen", erklärt Appelsmeier. Die zentrale Herausforderung aller Maßnahmen sei dabei die Frage, wie man Erwachsene mit niedrigen Schrift- und Sprachkompetenzen erreichen und zum Lernen aktivieren kann.

Die meisten Menschen lernen erst in der Vorschule oder der ersten Klasse das Alphabet und lernen dann, Wörter und Sätze zu lesen und zu schreiben. Als komplett "alphabetisiert" gilt ein Kind ab der dritten Klasse. Dann kann es selbstständig Texte lesen und schreiben.

Wie aber kann es dazu kommen, dass jemand nicht Lesen oder Schreiben kann? Die Gründe sind vielfältig, wie Appelsmeier erläutert. Manche Betroffene hätten wegen einer Krankheit oder häuslicher Probleme im ersten Schuljahr so oft gefehlt, dass ihnen schlicht die Basis fehle. Sie schafften es dann nicht mehr, das Verlorene aufzuholen und gaben irgendwann innerlich auf. "Einige schummeln sich durch oder kommen sogar als vermeintliche Lernbehinderte in die Sonderschule."

Auch die fehlende Förderung in der Familie spiele eine Rolle. Oft stammten die Analphabeten aus bildungsfernen Elternhäusern. Eine Studie hat ergeben: Hatten beide Eltern keinen Abschluss, waren 56 Prozent ihrer Kinder von funktionalem Analphabetismus betroffen.

Funktionaler Analphabetismus komme aber auch häufig bei Menschen vor, die aus Krisen- oder Kriegsgebieten nach Deutschland kommen. Für die Betroffenen werde dieses Manko oft zu einer doppelten Belastung. Viele scheuten sich, Hilfe zu suchen. "Sie empfinden ihren Analphabetismus als Grund zur Scham und erfinden Ausreden, um Situationen zu vermeiden, in denen sie etwas lesen oder schreiben müssen."

Dieses Versteckspiel habe auch psychische Folgen: Das Selbstvertrauen leidet, viele Betroffene empfinden Wut gegen sich selbst und fühlen sich mutlos und unfähig. "Wenn Mitmenschen auch noch verständnislos oder abwertend reagieren, resignieren die Betroffenen."

Doch trotz all dieser Probleme: Immerhin mehr als die Hälfte der Analphabeten in Deutschland hat einen Job - wenn auch meist nicht unbedingt den qualifiziertesten.

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Uwe von Dorn
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Veröffentlicht am:
09. 07. 2018
00:00 Uhr

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Uwe von Dorn

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Veröffentlicht am:
09. 07. 2018
00:00 Uhr



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