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Selb

CSU beschäftigt sich mit der Unterwelt

Heimatforscher Dieter Arzberger bietet beim Stammtisch des Selber Ortsverbandes spannende Einblicke. Er führt seine Gäste in die Kanal-, Stollen- und Kellerwelt.



Eine neue Taschenlampe für den nächsten Gang in den Selber Untergrund überreichte der stellvertretende CSU-Vorsitzende Carsten Hentschel an Dieter Arzberger als Dank für seinen Vortrag. Foto: Jürgen Henkel
Eine neue Taschenlampe für den nächsten Gang in den Selber Untergrund überreichte der stellvertretende CSU-Vorsitzende Carsten Hentschel an Dieter Arzberger als Dank für seinen Vortrag. Foto: Jürgen Henkel  

Selb-Plößberg - Zunächst einmal liefert schon der Titel des Vortrags ein ungewöhnliches Wort: So haben "Kanate" nichts mit Dschingis Khan und seinem Reich zu tun, sondern es geht dabei um den unterirdischen Reichtum der Stadt Selb an Kellern, Stollen und Wasserläufen. Dass dies ein sehr spannendes Thema ist, zeigte der Selber Heimatforscher Dieter Arzberger mit einem kurzweiligen Vortrag beim jüngsten CSU-Stammtisch im Turnerheim Selb-Plößberg auf. Zahlreiche Zuhörer waren gekommen, um sich dank der Forschungen von Dieter Arzberger und Helmut Heinrich und deren Bildmaterial einen Einblick in die Selber "Unterwelt" zu verschaffen.

Der stellvertretende CSU-Vorsitzende und Stadtrat Carsten Hentschel erinnerte in seiner Begrüßung an den berühmten Film "Der dritte Mann", der in der Wiener Kanalisation spielt: "Die Kanäle und der Untergrund einer Stadt sind sehr spannend und wichtig." Dass auch die Selber sehr erfinderisch waren in der Anlage von Kellern und verschlungenen Kanälen wurde im Vortrag Arzbergers deutlich.

Er berichtete von mehreren Baumaßnahmen wie zum Beispiel am Rothbühl, bei denen man während der Arbeiten Stollen fand, die Wasser führten. "Diese vielen Stollen der Stadt sind nur schwer zugänglich. Führungen sind dort nicht möglich. Manchmal waren solche Stollen nur einen Meter hoch und 60 Zentimeter breit und fungierten als Wasserrinnen", berichtete Arzberger. Manche seien Hunderte Meter lang.

Kanate als teilweise begehbare unterirdische Wasserableitungen seien sehr selten. "Das gibt es in Persien, im Mittelmeerraum und zwischen Selb und Münchberg." Im Rahmen seiner Forschungen kam Arzberger auf 22 solche Kanate unter der Stadt Selb sowie 14 in den dazugehörigen Orten. "Manche sind begehbar, manche nicht", so der Heimatforscher. Manche hätten auch in Laufbrunnen geendet, wo die Menschen Wasser schöpfen konnten. Anhand zahlreicher Bilder gab Arzberger einen Einblick in diese unterirdische Welt. Bis zu 600 Meter lange Stollen sind unterhalb von Selb zu finden.

Zu den Kanaten gesellten sich dann noch zahlreiche Stollen und Keller. "Allein im Bereich von Friedhof und Gottesackerkirche gab es 48 Felsenkeller. Die Stadt hat 1934 die Kellerrechte aufgekauft und diese Keller aufgefüllt." Dazu zeigte er anhand historischer Fotos, wie dieser Winkel von Selb früher ausgesehen hat. "Diese Keller aufzufüllen, ist gar nicht so einfach. Man kriegt diese Keller nicht einfach weg." Bei Baumaßnahmen gebe es immer wieder "spektakuläre Dinge", so der Heimatforscher. Als auf der Kastanienhöhe das Fundament für ein Bushäuschen gesetzt werden sollte, habe man einen großen und weit verzweigten Bierkeller entdeckt.

Überhaupt prägen Keller die Stadt. "Die Selber brauchten viele Keller. An allen Ausfallstraßen gab es Scheunen und Keller. In den Scheunen wurden Geräte gelagert, in den Kellern darunter landwirtschaftliche Erzeugnisse. Nach einem großen Stadtbrand im Jahre 1900 wurden viele dieser Scheunen beseitigt und die darin befindlichen Keller mit Kellerhälsen versehen. Neben der Luitpoldschule sind solche Kellereingänge bis heute sichtbar." Es gab Erdkeller, die im Winter warm waren und mit dem Pickel tief geschlagene Felsenkeller als Eis- oder Bierkeller, die im Sommer kalt waren. "Die Selber brauchten solche Keller, denn sie waren seit langer Zeit auch Braubürger und brauten ihr Bier selbst." Die ersten hundert Hausnummern in Selb hätten das Braurecht gehabt und durften pro Hausbesitzer 600 Liter Bier brauen.

Auch Bergbau wurde hier bis 1720 betrieben. Große Kelleranlagen sind bis heute etwa unter dem Parkplatz des Theaters vorhanden. Diese Freude der Selber am wilden Kellerbau ist nach Arzbergers Worten wohl auch der Tatsache geschuldet, dass zwar die Grundstücke mit den Eingängen nach Größe versteuert werden mussten. "Unterirdisch aber konnten sich alle steuerfrei ausbreiten."

Dass es auch tragische Fälle zu berichten gibt, zeigte Arzberger am Beispiel des Taglöhners Michael Goßler, der sich 1878 beim Graben von Verbindungsstollen buchstäblich zu Tode arbeitete, eine Frau und vier Kinder hinterließ und sich selbst zum Discounterpreis für die Arbeit angeboten hatte. Systematisch wurden Kanäle nach dem Stadtbrand von 1856 angelegt. Nachdem die Bevölkerung von 3500 auf 13 000 Menschen im Jahr 1910 angewachsen war, bestand aus hygienisch-sanitären Gründen dringender Handlungsbedarf. Auch zu dieser Phase zeigte Arzberger historische Bilder.

Carsten Hentschel überreichte Arzberger als Dankeschön eine neue Taschenlampe für die nächsten unterirdischen Erkundungen.

Autor

Jürgen Henkel
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Veröffentlicht am:
11. 05. 2018
17:34 Uhr

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11. 05. 2018
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