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Selb

Erst das Fressen, dann die Moral

Mit der "Dreigroschenoper" gastiert das Theater Hof in Selb. Die großartige Inszenierung bietet eine spannende Handlung mit Gesellschaftskritik.



Skurrile Gestalten der "Dreigroschenoper": Bettlerkönig Jonathan Jeremiah Peachum (Volker Ringe, Mitte) und dessen herunterkommene Frau Celia (Anja Stange, Zweite von rechts). Sie sind nicht einverstanden mit der Hochzeit ihrer Tochter Polly (Marina Schmitz, links) mit Bandenchef Mackie Messer. Foto: J. H.
Skurrile Gestalten der "Dreigroschenoper": Bettlerkönig Jonathan Jeremiah Peachum (Volker Ringe, Mitte) und dessen herunterkommene Frau Celia (Anja Stange, Zweite von rechts). Sie sind nicht einverstanden mit der Hochzeit ihrer Tochter Polly (Marina Schmitz, links) mit Bandenchef Mackie Messer. Foto: J. H.  

Selb - Das war ein Abend: Herausragende schauspielerische Leistungen, ein schwarz-spartanisches und dadurch besonders ausdrucksstarkes Bühnenbild, düstere grau-dunkle Kostüme einer doch recht bunten Bettler- und Gaunerwelt und eine bestechende Gesamtleistung aller Akteure. Das Theater Hof lieferte am Donnerstag im Rosenthal-Theater Selb eine grandiose Inszenierung der weltberühmten "Dreigroschenoper" von Bertolt Brecht ab. Dabei kam das Erfolgsstück Brechts sowohl in seiner ureigenen gesellschaftskritischen Botschaft, als auch mit seinen zu allen Zeiten aktuellen Anspielungen ironisch und augenzwinkernd, ja gelegentlich heiter bis humorvoll daher, ohne je muffig-moralisierend zu wirken, wie das bei sozialkritischen Stücken gelegentlich der Fall ist.

"Die Dreigroschenoper" mit dem Text von Bertolt Brecht und der Musik von Kurt Weill wurde 1928 in Berlin uraufgeführt. Das Stück spielt im vorviktorianischen Zeitalter in Soho, einem Stadtteil von London. Der Hinweis auf Krönungsfeierlichkeiten lässt als Zeit der Handlung das Jahr 1837 vermuten, als Königin Viktoria gekrönt wurde. Im Mittelpunkt stehen der Konkurrenzkampf zweier krimineller und skrupelloser Paten der Halb- und Unterwelt, des attraktiven und charmanten Bandenführers Macheath einerseits und des gerissenen Bettlerkönigs Jonathan Jeremiah Peachum andererseits.

Peachum betreibt die Firma "Bettlers Freund". Er verkleidet arme Leute als Bettler, schickt sie auf die Straßen und kassiert kräftig ab. Groß, grau und hager von Gestalt, optisch fast schon einer Leiche gleich schlunzt und schlurft sich Volker Ringe als Peachum durch diese Aufführung, zwar um etliches langsamer als sein Widersacher Macheath, aber um keinen Deut weniger gerissen, intrigant und hinterhältig. Ringe bietet eine der herausragendsten Darstellungen des Abends.

Bandenführer Macheath, der berühmte "Mackie Messer", ist sein ebenbürtiger junger Gegenpart. Mit dessen weltberühmter Moritat beginnt das Stück. Fast sympathisch wirkt dieser gerissene Ganove, Mörder und Kriminelle hier in der einnehmenden, verschmitzten Darstellung von Dominique Bals. In einem Pferdestall ehelicht er in einer improvisierten Feier ausgerechnet Polly, die Tochter seines Widersachers, diese wiederum glänzend gespielt von Marina Schmitz.

Pollys Vater und dessen stets suffbedingt schwankender und heruntergekommener Ehefrau Celia (Anja Stange) ist diese Hochzeit ein Dorn im Auge, fürchten sie doch die feindliche Übernahme ihrer Geschäfte. Doch Polly verweigert die Scheidung. So zeigt Peachum Macheath an, um ihn so loszuwerden.

Und so schaukelt sich die Handlung in ihren acht tempogeladenen Bildern schnell hoch. Verrat und Flucht, Versteck- und Verwirrszenarien nehmen ihren Lauf. Als naive Bettlertochter gestartet, mutiert Polly dabei vom braven Mädchen unbraver Eltern fast zu einem Vamp der Halbwelt. Sie adaptiert sich spielend in die "Firma" ihres Mannes, übernimmt nach dessen Flucht vorübergehend die Geschäfte und mischt die Handlung kräftig auf.

Weil Mackie Messer nicht zur Monogamie neigt, spielen auch die Hure "Spelunkenjenny" - eine Verflossene Mackies - und Lucy, die Tochter des Londoner Polizeichefs, eine große Rolle. Während die Spelunkenjenny ihn verrät, macht sich Lucy ernste Hoffnungen, die sie mit einer vorgetäuschten Schwangerschaft noch fördern will. In der Rolle der liebestollen Lucy brilliert Birgit Reutter, die auch gesanglich eine der Bestleistungen des Abends bietet.

Eine tragikomische Gestalt ist der Polizeichef Tiger-Brown, umwerfend dargeboten von Ralf Hocke. Er ist seit gemeinsamen Armeezeiten ausgerechnet mit Mackie Messer befreundet, hochgradig korrupt und auch sonst ein Ordnungshüter von trauriger Gestalt. Er heult Rotz und Wasser, als er seinen Freund verhaften muss. Und so nimmt das Drama seinen Lauf, bis Mackies Hals in der Schlinge steckt. Im letzten Moment erreicht den Verurteilten und die zur Hinrichtung versammelten Gäste die Begnadigung Mackies durch die Königin. Zudem wird er von ihr geadelt und reich beschenkt. Ein bizarres Ende, wenn die Königin des Landes den König der Unterwelt adelt.

Eine temporeiche und mitreißende Inszenierung mit glänzenden Schauspielerleistungen. Auch das Orchester unter der Leitung von Michael Falk trägt dazu das Seine bei, gibt es doch die verschiedenen Stilrichtungen der Moritaten und Stücke von Jazz über Blues bis zu Anklängen an Bach’sche Orgelmusik stimmig, spielfreudig, flott, geschmeidig und temperamentvoll wieder. Das karge Bühnenbild und die der Handlungszeit entsprechenden Kostüme von Annette Mahlendorf sind überaus stimmig. Da wird nichts aktualisiert und ins Heute verlegt, weil das gar nicht nötig ist. Die Botschaften dieses Stückes sind zeitlos gültig und brauchen keine Aktualisierung in der Garderobe. Denn Weisheiten wie "Erst kommt das Fressen, dann die Moral" oder "die im Dunkeln sieht man nicht" behalten ihre Aussagekraft zu jeder Epoche. Chapeau! Ein zu Recht vom Publikum bejubelter Theaterabend.

Autor

Jürgen Henkel
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
17. 05. 2019
17:10 Uhr

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Jürgen Henkel

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17. 05. 2019
17:10 Uhr



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