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Wirtschaft

Neues Leben für alte Industrieroboter

Die Firma Robotif aus dem Landkreis Kumbach ist ein Global Player auf ihrem Gebiet. Dafür geht der Chef auch mal ungewöhnliche Wege.



Ingo Förster besetzt mit seiner Firma Robotif eine Marktlücke. Um alte Industrieroboter reparieren zu können, hält er am Firmensitz in Altenreuth ein riesiges Ersatzteillager vor. Foto: Schreibelmayer
Ingo Förster besetzt mit seiner Firma Robotif eine Marktlücke. Um alte Industrieroboter reparieren zu können, hält er am Firmensitz in Altenreuth ein riesiges Ersatzteillager vor. Foto: Schreibelmayer  

Altenreuth - Mehr Klischee geht kaum: Alles fing in einer Garage an, heute hat das Unternehmen seinen Sitz in einem kleinen Weiler im Landkreis Kulmbach. Von Altenreuth aus kümmern sich Robotif-Chef Ingo Förster und seine rund 30 Mitarbeiter um Reparatur und Überarbeitung gebrauchter Industrieroboter. Und zwar in ganz Deutschland, aber auch weltweit. Wenn's sein muss, auch mit dem eigenen Flugzeug. Damit hat das Unternehmen eine Marktlücke aufgetan.

Und das kam so: 2009 ächzen Deutschland und die ganze Welt unter der Finanz- und Wirtschaftskrise - und Ingo Förster gibt seinen sicheren und gut bezahlten Job bei einem Roboterhersteller auf, um sich selbstständig zu machen. Weil sein damaliger Arbeitgeber seine Idee nicht unterstützen wollte - nämlich anzubieten, Roboter nach dem sogenannten "End of Life" quasi ein zweites Leben zu geben. Dass die Hersteller das nicht wollen, kann Förster bis zu einem gewissen Grad sogar verstehen. "Die wollen halt neue Roboter verkaufen", sagt der Maschinenbauingenieur. Nicht verstehen aber kann er, dass die Unternehmen damit aus seiner Sicht eine Chance zur Kundenbindung verpassen.

Für ihn sieht die Rechnung so aus: Die Einsatzzeit der Roboter sei von den Herstellern auf 40 000 Stunden berechnet, was im Industriealltag fünf, höchstens sechs Jahren entspreche. Danach werde es meist schwierig mit der Wartung und der Ersatzteilversorgung, weil die Anbieter schon wieder eine neue Gerätegeneration herausgebracht hätten.

Doch viele Kunden wollten ihre Roboter nun mal weiterbetreiben. "Schließlich haben sie bis zu 80 000 Euro und mehr pro Stück dafür ausgegeben", sagt Förster. Grund genug für manche, die Maschinen von Robotif wieder auf Vordermann bringen zu lassen. Entweder vor Ort in der Produktion oder eben im kleinen Altenreuth.

Der Preis orientiert sich am Aufwand. Angeboten wird alles von der reinen Reparatur bis zu einer Generalüberholung, nach der der Roboter laut Förster quasi im Neuzustand an den Kunden zurückgegeben wird und mindestens weitere 20 000 Stunden laufen soll.

"Wir sind herstellerunabhängig", sagt Förster. Faktisch aber kümmern sie sich bei Robotif um Geräte der Marken Adept, Bosch, Denso und Stäubli. Für die Ersatzteilversorgung hat er ein bemerkenswertes Lager angelegt. "Komplette Roboter zu kaufen, ist für die Ersatzteilversorgung am wirtschaftlichsten. Es gab Zeiten, da haben wir 50 Prozent des Weltmarkts an gebrauchten Robotern eingekauft."

500 gebrauchte, aber auch neue Systeme sind so über die Jahre zusammengekommen, rund 350 davon sind in Altenreuth eingelagert. Das reicht laut Förster erst mal. Schließlich handle es sich um einen Materialwert von knapp drei Millionen Euro, hinzu kommen Einzelteile für etwa die gleiche Summe. Und wenn ein gewünschtes Teil trotzdem nicht zu bekommen ist oder zumindest nicht in der gewünschten Qualität, dann wird es auch schon mal selber produziert oder nach eigenen Plänen in Auftrag gegeben.

Apropos selbst produziert: Roboter bauen sie bei Robotif auf besonderen Kundenwunsch auch hin und wieder selber. Einen, der die Nutzlastverkleidung der europäischen Ariane-V-Rakete vermisst, haben sie vor vier Jahren ausgeliefert. Jetzt wurden zwei nachbestellt.

Die Kunden von Robotif sitzen zu 90 Prozent in Deutschland, aber auch in den USA, in Asien oder in Südafrika. Namen will Förster nicht nennen, es handle sich aber um namhafte Unternehmen aus verschiedensten Industriezweigen: Automobilhersteller und deren Zulieferer, Halbleiter, Lebensmittel, Pharmazie oder auch Glas. Mit 300 Kunden pflege man sehr intensive Geschäftsbeziehungen, sagt Förster, mit 400 weiteren gelegentliche.

Um die schnellstmöglich erreichen zu können, sei der nur auf den ersten Blick abgelegene Standort Altenreuth ideal, sagt Förster. Schließlich sind es zur Auffahrt auf die A 9 keine zwei Kilometer, das Autobahndreieck Bayreuth/Kulmbach liegt nur wenige Hundert Meter vom Betrieb entfernt. Wenn's noch schneller gehen soll, steht auf dem Flugplatz Bindlacher Berg ein Sportflugzeug bereit, um Monteur und Ersatzteil zu transportieren. Der Unternehmenschef hat den Flugschein schon, fünf bis sechs Mitarbeiter sollen ihn auf Sicht erwerben. "Ab 400 Kilometern ist das wirtschaftlich", sagt Förster, der auch sonst ungewöhnliche Wege geht. So beschäftigt er zum Beispiel eine eigene Köchin für das Mittagessen der Mitarbeiter.

Über Preise verhandelt er - gelinde gesagt - ungern. "Schließlich polieren wir hier nicht mal nur über einen Roboter drüber, wir leisten Präzisionsarbeit", sagt Förster, und: "Wenn einer wirklich über den Preis streiten will, dann schicke ich ihn weg." Was natürlich einfacher ist, wenn man in einer Marktlücke unterwegs ist.

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Stefan Schreibelmayer
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Veröffentlicht am:
04. 09. 2018
00:00 Uhr

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Stefan Schreibelmayer

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04. 09. 2018
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