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Erschienen am 20.11.2008 00:00
Gesucht – ein Beckham im Schach
Olympia | Zahlreiche Aktive aus Oberfranken besuchen den größten sportlichen Wettbewerb dieses Jahres in Deutschland. Bei der Mannschafts-WM in Dresden gehen 1300 Denksportler aus 141 Nationen an die Bretter.
Von Jan Fischer

Kirchenlamitz/DresdenFast fünf Stunden hat Verena Zier aus Wunsiedel auf diesen einen Moment gewartet: Das norwegische „Wunderkind“ des Schachs, Magnus Carlsen, beendet seine Partie am Spitzenbrett gegen China mit einem Remis und beschert den Skandinaviern damit einen unerwarteten Sieg. Nach der hart umkämpften Partie – einer der letzten an diesem Olympia-Tag – macht sich der 17-Jährige auf den Weg aus dem riesigen Turniersaal im Internationalen Congress-Center in Dresden.

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Geschafft: Verena Zier aus Wunsiedel trifft das norwegische „Wunderkind“ Magnus Carlsen. Foto: privat
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Doch die Wunsiedlerin ist dank eines Schiedsrichters, den sie kennt, in den Spielerbereich vorgedrungen – und schafft es, Carlsen aufzuhalten und um ein gemeinsames Foto zu bitten. Der Norweger, den Experten in einigen Jahren als heißen Anwärter für den Weltmeister-Titel sehen, ist gerne dazu bereit.

Verena, eifrige und starke Schachspielerin, ist hellauf begeistert: „Er ist auf dem Boden geblieben und sympathisch.“ Intensiv hat die 17-jährige Gymnasiastin den Aufstieg Carlsens verfolgt, das Buch „Wunderjunge“ über ihn gelesen und im Training viele seiner Partien nachgespielt und analysiert.

Nun hat sie ihn zum ersten Mal persönlich kennengelernt. Ihren Star. „Ich bin schon lange ein großer Fan von ihm“, verrät Verena, die an einer Tagesfahrt der Schachfreunde Kirchenlamitz zur Olympiade teilgenommen hat.

60 Millionen Klicks pro Tag

Hunderte Zuschauer strömen Tag für Tag zur Mannschafts-Weltmeisterschaft im Schach, die sich Olympiade nennt – von der Teilnehmerzahl her der größte sportliche Wettbewerb, der in diesem Jahr in Deutschland ausgetragen wird. Rekordverdächtige 146 Teams bei den Männern und 111 Mannschaften bei den Frauen treffen in der Elbmetropole aufeinander. 512 Paarungen werden pro Spieltag ausgetragen; alle Partien werden live ins Internet übertragen. Mehr als 60 Millionen Klicks auf die Olympiade-Seiten werden pro Tag gezählt. Journalisten aus aller Welt berichten aus Dresden. Schach spielt sogar in der Tagesschau eine Rolle. Alles Superlative.

Doch wo sind sie – die Superstars? Vladislav Tkachiev – immerhin Europameister, aber nur Insidern ein Begriff – schlägt in einer Pressekonferenz nachdenkliche Töne an. Er fordert intensive Anstrengungen, um Schach populärer zu machen. Denn markante, bekannte Köpfe, echte Stars gibt es nach seiner Meinung nicht. „Wir brauchen einen Schach-Beckham“, meint der Kasache, der für Frankreich antritt. „Fragen Sie Taxifahrer überall auf der Welt, wer der aktuelle Schach-Weltmeister ist“, sagt er. „99 Prozent werden mit Kasparow oder Karpow antworten.“ Freilich: Die Zeiten, als die russischen Erzrivalen sich große Duelle um die Weltmeister-Krone lieferten, sind lange vorbei. Der Weltmeister anno 2008 – gekürt vor wenigen Wochen in Bonn – heißt Viswanathan Anand und kommt aus Indien. In Dresden muss sein Land auf seine Dienste verzichten.

So konzentriert sich das Interesse der Medien und der Zuschauer auf den Vize-Weltmeister Vladimir Kramnik. Der Russe steht im Fokus der Foto- und Fernsehkameras. Als er die Bühne betritt, prasselt ein Blitzlichtgewitter auf ihn hernieder. In den ersten 15 Minuten, in denen das Fotografieren erlaubt ist, wird jede seiner Regungen festgehalten.

Die Olympiade in Dresden beweist eines: Es gibt ein Publikum für Live-Schach. Im Turniersaal drängen sich die Besucher auf der Tribüne und vor der Bühne. Alle Plätze sind besetzt, wenn Großmeister Klaus Bischoff die Spitzenpartien im Nebenraum kommentiert.

Einer der Kiebitze ist der Kirchenlamitzer Spitzenspieler Peter Seidel. Der 27-Jährige staunt über eine Variante von Kramnik im Damengambit: „Er bringt recht früh die Dame ins Spiel. Solche Züge sieht man in der Bezirksliga nicht.“

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