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"Immer wieder hinterfragen"

Die Internationalen Hofer Filmtage starten am Dienstag in ihre 53. Saison. Thorsten Schaumann, künstlerischer Leiter, äußert sich im Vorfeld zum Kino in Zeiten von Netflix & Co. Und verrät, was er unter Glamour versteht.



Hofer Filmtage 2017
Thorsten Schaumann, künstlerischer Leiter der Hofer Filmtage.   Foto: Frank Wunderatsch

Michael Kötz, Ihr Kollege vom Festival des deutschen Films in Ludwigshafen sagte einmal: "Wenn du Premieren haben willst, hast du keine guten Filme, und wenn du gute Filme haben willst, hast du keine Premieren." Wie sehen Sie das?

Anders, denn wir zeigen seit 53 Jahren nur Premieren von guten Filmen.

 

Wie schwierig ist es für ein vergleichsweise kleines, wenn auch renommiertes Festival wie die Internationalen Hofer Filmtage, an gute Premieren heranzukommen?

Die Filmtage sind örtlich und auch aufgrund der geringen Anzahl an Lang- sowie Kurzfilmen ein kleines Festival. Und genau darin liegt die Stärke: Maximal-Fokus auf Film - ohne Ablenkung bei kurzen Wegen. Jeder läuft jedem über den Weg und alle sind ansprechbar. Filme, die wir auswählen, werden auch wirklich gesehen. Auch die Talente, die das Festival national und international hervorgebracht hat - das ist sicherlich einzigartig. Das ist und macht die Filmtage zu einem großen Festival, das attraktiv für Premieren ist. Wir führen das ganze Jahr über Gespräche mit der Branche, um frühzeitig an Projekten dran zu sein. Wir bekommen, und da bin ich ehrlich, nicht immer alle Filme, die wir für HoF sehen. Aber das hat auch oft technische Gründe, beispielsweise, dass der Filmstart, lange geplant, vor den Filmtagen liegt. Damit ist der Premieren-Status nicht mehr vorhanden und die Filme qualifizieren sich nicht mehr. Aber in diesem Jahr sind wir wieder mit 141 Premieren am Start.

Wäre es einfacher, wenn man Premieren von Netflix & Co. ins Programm aufnehmen würde? Diese würden heutzutage doch sicher Aufmerksamkeit erzielen. Sie hatten sich jedoch früher schon einmal strikt gegen Filme ausgesprochen, die später nicht im Kino zu sehen sind. Immer noch derselben Meinung?

Netflix & Co. holen in Sachen Filmqualität massiv auf, auch wenn es nicht ihr Fokus ist (der eher bei Serien liegt, die eine langfristigere Abonnentenbindung versprechen). Da hat sich in der letzten Zeit auch bei den Festivals eine größere Offenheit entwickelt. Wichtig ist, dass wir unsere Positionen im Wandel immer wieder hinterfragen müssen. Nur so kommen wir weiter und bestehen im Markt. Vor diesem Hintergrund bin auch ich offener gegenüber Streaming-Filmproduktionen geworden. Kommt aber immer auf den Film an! Und weil das eine der Fragen in unserer Branche ist, bieten wir hierzu bei HoF Plus das Panel "Couch oder Kinosessel - Filmauswertung im Streamingzeitalter" an. Das Nadelöhr zum Markt, unsere Kinobetreiber, diskutieren mit Alfred Holighaus, dem Preisträger der Stadt Hof 2018, genau zu Ihrer Frage aus Kino-Sicht. Dazu konnte ich einen niederländischen Kinobetreiber für diese Diskussion gewinnen, der mit Kollegen auf der digitalen Leihplattform Picl Filme - zeitgleich zum Kinostart - anbietet. Das verspricht ein spannender Nachmittag zu werden …

 

Das verspricht es. Trotzdem muss die Frage erlaubt sein: Was kann ein Kinofilm, das Netflix & Co. nicht bieten können - ist es wirklich das, nennen wir es jetzt mal zusammenfassend so, "Popcorn-Erlebnis"? Oder ist da mehr?

Netflix & Co. produzieren ja Kinofilme. Der Film "Roma", eine Netflix-Produktion von Alfonso Cuarón, hat drei Oscars gewonnen und ist eindeutig Kino. Die Streaming-Anbieter treten hier auch als Produzenten auf, die ihre Filme ins Kino bringen wollen. Genau diese Situation finde ich nun sehr interessant: die Firmen, die mit ihren Angeboten die Sehgewohnheiten von uns hin zum Couch-Minibildschirm-Zuschauer umkrempeln, wollen unbedingt die Kinoleinwände erobern. Das zeigt auch, neben reinen Marketingeffekten, die jeder Amazon-Film im Kino für die Plattform bringt, dass Kino nicht nur "Popcorn-Erlebnis" sein kann. Für mich ist es der Fokus, das Nicht-Entkommen, wenn das Licht ausgeht und der Film startet. Das ist neben dem Gemeinschaftsgefühl das perfekte Abgleiten in eine andere Welt. Das habe ich daheim nicht in derselben Form.

 

Themenwechsel. Mit "Les Hirondelles de Kaboul", ein Streifen über zwei Liebende im bürgerkriegsverseuchten Afghanistan, ist eine Animation als Langfilm im Programm. Der Beginn einer Genre-Erweiterung?

Animationsfilme hat es beim Festival immer wieder gegeben. Gerade auch beim Kurzfilmprogramm haben wir in diesem Jahr mit "Die Frikadelle von Zimbo", "La Vie de Château", "Modern Man", "Otto" und "Tri" gleich fünf Animationsfilme. Alle sehr unterschiedlich und gleichzeitig zeigen sie eine Vielfalt filmischen Geschichtenerzählens auf der großen Leinwand. Von einer Genre-Erweiterung zu sprechen halte ich aber für zu weit interpretiert.

 

In der Besetzungsliste für die Filme der 53. Internationalen Hofer Filmtage tauchen jede Menge klangvoller Namen auf: Scarlett Johansson, Barbara Schöneberger, Nina Hoss, Lars Eidinger, Sam Rockwell .… Dürfen wir denn davon jemand in Hof erwarten? Und wen außerdem?

Ich bin kein Mensch, der sein Festival auf einige Namen runterbricht. Jeder, der zum Home of Films kommt, ist ein willkommener Gast, und es gilt das Prinzip der Gleichbehandlung. Deswegen fühlen sich auch bei uns alle so wohl. Es kommen dieses Jahr wieder so tolle Talente nach Hof, und da lässt sich jeder am besten überraschen.

 

Der Glamour-Effekt scheint Ihnen aber nicht wirklich am Herzen zu liegen … Oder?

Doch, doch - ich interpretiere dafür den Begriff im "Home of Films"-Sinne: Glamour ist für einige der rote oder blaue Teppich, bei uns die Bratwurstbude vorm Kino. Dabei ist unser Glamour-Effekt auch viel nachhaltiger: man/frau wird auch noch satt!

 

Und auf welche Filme freuen Sie sich ganz persönlich in diesem Jahrgang besonders?

Auf alle 141 Filme. Das sprengt aber jetzt den Rahmen! Zum einen liegen mir die Filme unseres Werkschau-Gastes Samir sehr am Herzen. Und ich freue mich natürlich auf unseren Eröffnungsfilm "Baumbacher Syndrome" von Gregory Kirchhoff. Damit beginnen sechs lange Kinotage und -nächte, wenn Hof wieder Filmmetropole ist.

Autor

Thoralf Lange
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
21. 10. 2019
21:30 Uhr

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Thoralf Lange

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Veröffentlicht am:
21. 10. 2019
21:30 Uhr



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