Otavalo - Ich zehre noch immer von meinem wahr gewordenen Traum Galapagos, auch als ich längst bei ernüchternden 20 Grad weniger in der spektakulären Andenwelt rund um Otavalo wohne. Für elf lange Tage niste ich mich hier oben in dieser indigenen Region ein. Aus meiner so lieb gewonnenen Inselwelt geht es geradewegs von Quito zwei Stunden gen Norden in eine der bekanntesten Andenstädte Südamerikas. Auf einer Höhe von 2500 Metern leben hier etwa 50.000 Menschen. Die Stadt ist umgeben von den drei Vulkanen Imbabura, Cotacachi und Mojanda. Vor allem wegen des farbenfrohen Marktes - dazu braucht es einen gesonderten Bericht - ist die Stadt an der Panamericana das beliebteste Touristenziel im Norden Ecuadors. Den Großteil der Bewohner in Otavalo und den umliegenden Dörfern stellen die Otavalos genannten Indígenas (Kichwas). Mestizen trifft man hier so gut wie gar nicht an, und jeder besinnt sich noch der Tradition, sich nicht nur sonntags oder der Touristen wegen ins historische Gewand zu werfen. Hüte, Schals, mächtige Kopfbedeckungen jedweder Art, goldene Ketten in vielen Reihen um den Hals, Ponchos, Ponchos, Ponchos. All das ist Alltag hier. Und wenn es auch noch so kalt ist, tragen die Otavalos, gleich ob Männlein oder Weiblein, ihre Zapatos - spitze Leinen-Schühchen mit einem kleinen Riemen an der Ferse. Schon beim Anblick schüttelt es mich vor Kälte. Denn darin stecken die nackten Füße.
Traumhafter Blick vom Bett auf die Lichter der Stadt
Schon als mich mein Chauffeur gen Norden bringt, genieße ich das einzigartige Panorama. Mein Blick fällt auf die schneebedeckten Vulkane im Sonnenuntergang - einfach grandios. Wieder Eintauchen eine völlig andere Welt, in die andine eben, in die ich ja schon kurz vor Galapagos hineingeschnuppert habe. Es ist dunkel, als wir das Hotel La Casa Sol, das Schwester-Hotel des Hauses in Quito, in dem ich gewohnt habe, erreichen. Ich bin der einzige Übernachtungsgast. So viel Personal hatte ich noch nie für mich allein, wie wunderbar. Es ist das reinste Prinzessinnen-Schloss, und ich bekomme auch noch das schönste Zimmer von allen: Zwei Fenster und ein Balkon. Sogar aus dem Bett kann ich auf die Lichter der Stadt blicken. Denn ich wohne und throne drei Kilometer oberhalb Otavalos am Hang eines Berges, die Kaskaden im Dschungel gleich um die Ecke. Allerdings muss ich nun mit einem Temperaturunterschied von rund 20 Grad zurecht kommen, morgens gegen fünf Uhr zeigt das Thermometer zuweilen gruselige vier Grad. Wie gut, dass meine warmen Klamotten allesamt frisch sind, denn sämtliche Kleidung, die mit in Galapagos war, ist definitiv ein Fall für die Wäsche.
Viele wilde, aggressive Hunde
In Ecuador passiert es mir erstmals, dass ich mich gegen allzu wilde Hunde wappnen muss. Gleich am nächsten Vormittag, als ich mich auf den Weg zum Wasserfall mache, schnappt doch einer nach meiner Hose. Leider hab ich nur meine kleine Kamera in der Hand, mit der ich notfalls nicht zögern werde, solch einem zähnefletschenden Wüterich eines überzubraten - alle Hundefreunde mal weggehört. Zwar bin ich gegen Tollwut geimpft, aber lustig mag so ein Biss in solch einer Umgebung mit sicherlich nicht unbedingt meisterlich ärztlicher Versorgung auch nicht sein.
Die Kaskaden sind - für mich - nur mittelmäßig spektakulär. Vielleicht bin ich in diesem Punkt schon etwas zu verwöhnt nach Iguazu- und Niagara-Fällen oder dem Salto Angel in Venezuela. Der Wasserfall von Peguche (Cascada de Peguche) ist etwa 20 Meter hoch und gehört zu den beliebtesten und am leichtesten erreichbaren Ausflugszielen um Otavalo. Der Wasserfall wird von den indigenen Menschen verehrt, und man kann regelmäβig Einheimische beim rituellen Bad beobachten. Der Wanderweg liegt quasi bei mir vor der Haustür, und ich schlendere gern immer wieder durch den schön angelegten Park mit seinen groβen Eukalyptus-Bäumen, wo sich täglich zahlreiche Schulklassen tummeln.
Hinunter in die Stadt - mangels Stocks muss ich mir hin und wieder den Rucksack vor die Beine halten, um mir wütend kläffende Köter vom Hals zu halten - brauche ich etwa eine knappe Stunde. Indigenes Leben spiegelt sich an jeder Ecke. Die Menschen sind wahrlich winzig an Gestalt, manch Mütterchen in seiner Tracht reicht mir gerade bis über die Taille. Auch hier stoße ich immer wieder auf bettelnde Gebrechliche. Gut, dass ich meine Avocado mit Shrimps-Füllung in einem Restaurant einpacken lasse, weil ich sie nur zur Hälfte geschafft habe. Eine alte Frau ist dankbar dafür. Ich muss nach dem Schiffs-Trip ohnehin auf die Bremse drücken und weniger essen. Und vom Abendessen hab ich noch Brot im Rucksack, über das sich ein völlig ausgemergelter Hund, dem die Rippen mächtig herausstehen, in Sekundenschnelle hermacht.
Herausforderung Technik
In Otavalo erstehe ich endlich einen neuen Stick, mit dem ich die Fotos von der SD-Card in die Dropbox laden kann. Das hat mich die letzten Male oft zur Verzweiflung gebracht, weil mein alter nicht mehr richtig funktioniert hat. Als ob es keine anderen Probleme gäbe, hätte Chap zu mir ungeduldigem Wesen wohl gesagt - um selbiges Problem dennoch umgehend für mich zu lösen. Jetzt klappt es einwandfrei mit dem Herunterladen. Ja, in Sachen Technik musste ich mich auf Reisen schon umgewöhnen und vieles learning by doing versuchen, umzusetzen. Und das, wo Geduld der absolute Knackpunkt bei mir ist.
Jetzt brauche ich auch mal ein wenig Ruhe, um abschalten und alles verarbeiten zu können. Glücklicherweise begleitet mich stets - neben Leo - mein Notizblock, sonst gingen mir interessante Begegnungen und Ereignisse sicherlich auch einmal durch die Lappen. So stehen in Otavalo zwei volle Arbeitstage an, an denen ich alles zu Computer bringe. Und das bereitet eigentlich Freude, zumal ich noch einmal alles durchlebe und in einer herrlichen Umgebung schreiben kann mit Blick auf Vulkane und unglaublich viel Grün.
Jetzt, wo ich mich an die Alleinherrschaft in meiner fröhlich bunten Trutzburg gewöhnt habe, taucht doch tatsächlich noch ein Gast auf: Ich lerne Sun kennen - "wie die Sonne", grinst der 69-jährige Chinese. Da kommt mir doch glatt wieder der Song "Yellow Sun of Ecuador" in den Sinn, und innerlich muss ich laut auflachen. Wo wir schon mal zu zweit sind, können wir ja auch etwas gemeinsam unternehmen. Und es tun sich einige Parallelen auf. Das stellen wir tags darauf fest, als wir zusammen eine fünfstündige Tour rund um den Lago San Pablo machen und durch die Dörfer und Felder ringsum zu Füßen der Vulkane streifen. San Pablo ist der größte See im Kanton Otavalo, die Ufer dicht besiedelt mit Indigenen-Gemeinden. Hier wachsen große Bestände an Totora-Schilf, das in einigen Gemeinden zu Matten und Kunsthandwerk verarbeitet wird. Unglaublich viele Erdbeer-Felder - die Früchte werden in der Stadt meist von Indio-Frauen, die ihre Kinder auf dem Rücken festgezurrt haben, in Schubkarren angeboten - erstrecken sich entlang des Sees. Er ist ein beliebtes Ausflugsziel mit Bootsfahrten, Hotels und See-Restaurants. Erstmals sehe ich, wie Quinoa wächst, das Getreide der Inka, das unter Veganern auch in Deutschland zunehmend an Beliebtheit gewinnt. Momentan sind die Ähren rötlich.
Flauschiges Alpaka-Baby
Uns begegnen alte Frauen - wahrscheinlich sehen sie nur so alt aus -, deren derbe, zerfurchte Gesichter von harter Arbeit auf den Feldern am Fuße der Vulkane zeugen. Mit einem Stecken in der Hand halten sie Schafherden in Schach oder hüten ein, zwei Kühe, die sie an Stricken hinter sich herziehen. Als ich das Alpaka-Baby auf der Wiese vor einem Hotel am See erblicke, wird mir richtig warm ums Herz. So etwas Süßes. Ganz langsam nähere ich mich an, misstrauisch beäugt von dem Kleinen. Als ich jedoch den Hals des Tieres zu kraulen beginne, schmiegt es sich richtig in meine Hand. Es ist unglaublich flauschig, mir geht das Herz auf.
Sun und ich wollen weiter in die Stadt, schließlich sind wir - die Bier-Pause am See abgezogen - schon fast vier Stunden zu Fuß auf Achse. "Fünf Minuten", signalisiert der Ober. "Zu Fuß?" Ungläubig schüttelt er den Kopf und faselt was von einer Stunde, denkt sich wahrscheinlich, so blöd können auch nur Touristen sein. Zum Teil bleibt uns jetzt nichts anderes übrig, als eine Weile an der doppelspurigen, perfekt ausgebauten Panamericana entlang zu laufen, denn die Uferwege enden allesamt im Nichts. Angesichts der vorbei donnernden Lkws an der Panamericana ist das kein großer Spaß. Endlich ein Abzweig auf einen Feldweg, wo ich mich wegen es steilen Abstiegs gleich mal auf den Hintern setze. Wie oft ich auf dieser Reise schon umgeknickt oder gestürzt bin und nie etwas passiert ist - wahrscheinlich ist der Schutzengel meiner Mama, der hinten im Rucksack baumelt, Gold wert. Endlich zurück in der Stadt, noch das Notwendigste - Rotwein für mich, Croissants für Sun, der aber abends auch etwas vom Wein abkriegt - eingekauft, dann ab ins Taxi. Für heute reicht es wirklich mit Laufen.
Internationale Verbindung Schicksal
Der aus China stammende Sun, aufgewachsen in Korea, hat vor acht Jahren seinen einzigen Sohn im Alter von 30 Jahren durch den Missbrauch von Drogen verloren. Von einem Tag auf den andern hat Sun seine Arbeit - eigene Firma, die noch heute von Angestellten weitergeführt wird - niedergelegt und sich auf Reisen begeben. So wie ich, nur ohne eigene Firma. Und er fühlt sich besser dabei, es hat ihm Luft verschafft. So wie mir. Nur - ich bin noch nicht ganz so weit wie er. Im Gegensatz zu mir, wo ich ja meine Bleibe aufgegeben habe, besitzt Sun immerhin noch zwei Häuser in China und eines in Miami. Trotz seiner 69 Lenze ist der Chinese, der viele seltsame Beutel mit getrocknetem Essen dabei hat, die er im Hotel in heißem Wasser auflöst, absolut fit. Mögen es die seltsamen Beutel sein? Die fünf Stunden, zum Teil auch entlang der Panamericana, schaffen ihn aber gottseidank ebenso wie mich. Sonst müsste ich vielleicht auch auf derartige Beutel umsteigen, die mir nicht allzu schmackhaft erscheinen, für ihn hingegen ein Lebenselixier darstellen. In Ermangelung weiterer Gäste nehmen wir erneut gemeinsam das Abendessen ein und teilen uns eine Flasche Rotwein. Nicht zu lange, denn für morgen planen wir auch etwas zusammen: die Besteigung des Fuya Fuya.
Bis gestern wusste ich nichts von dem Berg. Heute weiß ich, dass ich den Auf- beziehungsweise Abstieg wohl nie vergessen werde. Morgens um acht Uhr steht Wilson auf der Matte. Ein echter Indio, pardon, Indigeno. "Eine Stunde Fahrt", bedeutet er uns anfangs etwas schüchtern. Doch während des Tages taut er auf, wundert sich über das seltsame deutsch-chinesische Paar, was ich umgehend zurecht rücken muss. Unser Guide spricht nur Spanisch, was kein Problem darstellt, zumal Sun ganz gut parliert. Und auch ich komme mittlerweile recht gut zurecht, wenn es um simple Dinge geht. Zumindest bescheinigt mir der 40-jährige Wilson, dass ich "gut" Spanisch spreche. Davon hatte ich bis gestern keine Ahnung. Aber schön, dass wir uns verstehen.
Ohne Zickzack nach oben
Wir fahren über eine heftig holprige und antike Pflasterstraße, die einst die Inka gebaut haben, immer tiefer in die Berge, bis zum Ufer des groβen Mojanda-Sees auf einer Höhe von 3700 Metern. Unterwegs klettern zwei alte Frauen und ein Mann hinten auf den Pickup, damit sie schneller in ihr Dorf gelangen. Majestästisch präsentiert sich der Gipfel im Sonnenschein. Da rauf?, schießt es mir durch den Kopf - mit einer gehörigen Portion Respekt. Am Mojanda-See lassen wir den Wagen stehen und beginnen mit unserem Aufstieg, der zwei Stunden lang durch Paramo-Grasland steil nach oben zum Gipfel des Fuya-Fuya (4265 Meter) führt. Ich latsche natürlich gleich zu Beginn in ein fettes Schlammloch, das meine kompletten Wanderstiefel mit einer siffigen Brühe überzieht. Was eigentlich nicht weiter schlimm sein sollte angesichts dessen, was noch folgt. Es geht geradewegs nach oben. Steil und immer steiler. Wilson lacht. "Wir Indigenos nehmen den geraden Weg, kein Zickzack." Alle paar Meter muss ich stoppen, durchatmen. An den niedrigen Grasbüscheln - mein Kreuz schmerzt schon nach der ersten halben Stunde - ziehe ich mich Meter für Meter nach oben. "Die Kinder springen hier hoch und fahren mit Pappdeckeln oder Plastiktüten den Berg wieder runter", erzählt Wilson vom Freizeitspaß der kleinen Indios. Wie wunderbar! Allein der Gedanke an die rutschige Abfahrt auf dem Hintern hinterlässt ein ungutes Gefühl in meiner Magengrube. Es wird immer steiler, und ich frage mich, wie ich bei aller Liebe den Rückweg, der auf selbigem Pfad hinunterführt, meistern soll.
Links und rechts steil nach unten
Die Krönung des Aufstiegs steht noch bevor, auch wenn Bergsteiger müde darüber lächeln mögen. Ich bin noch nie ein Bergsteiger gewesen, und mir wird regelrecht schlecht, als ich die Felsen vor mir sehe, die ich noch überwinden soll, ehe ich den Gipfel erreiche. Wilson klettert immer ein Stück voraus, reicht mir die Hand und weist mich an, welche Schritte ich wohin tun soll. Endlich oben, bin ich gerade nicht entzückt, dass noch die Sonne scheint. Denn somit sehe ich, dass es sowohl links als auch rechts von mir geradewegs hinunter in die Tiefe geht. Absturz sicherlich mit tödlichem Ausgang oder zumindest mit etlichen Knochenbrüchen. Und das bei meiner Höhenangst. Ich meistere es, wenn auch nicht mit Bravour. Aber außer unserem seltsam zusammengewürftelten Trio sieht man hier kilometerweit keine Menschenseele. Somit auch niemanden, der sich etwa über meine Kletterkünste lustig machen könnte. Nicht mal ein Tierchen ist hier zu erspähen - außer lästige Fliegen.
Oben angekommen, genieβen wir den gigantischen Ausblick auf die Mojanda-Seen und auf die umliegenden Berggipfel des Imbabura, Cotacachi und Cayambe. Der 4265 Meter hohe Fuya Fuya und der benachbarte Cerro Negro (4263 Meter) sind die höchsten Erhebungen auf dem Kraterrand einer stark erodierten Caldera, in der sich die Laguna da Mojanda befindet. Der inaktive Vulkankomplex liegt 17 Kilometer südlich von Otavalo und hat an seiner Basis einen Durchmesser von etwa 20 Kilometern, wie ich natürlich im Internet nachlese. Der Berg muss ursprünglich eine Höhe von ungefähr 6000 Metern erreicht haben, heißt es da. Vor zirka 200.000 Jahren wurde der mächtige Vulkankegel in zwei gewaltigen Explosionen zerstört. Vor 165.000 Jahren, so haben Wissenschaftler wohl herausgefunden, zeigte der Gipfel des Fuya Fuya seine letzte vulkanische Aktivität. Also sind wir auf der sicheren Seite. Allerdings gibt es ja noch unzählige andere und auch aktive Vulkane in Ecuador.
Traumhafte Aussicht
Während wir 15 Minuten die traumhafte Aussicht genießen und ein wenig an der Kokosnuss herumnagen, die ich mit hinaufgeschleppt habe, ziehen von allen Seiten dichte Wolken nach oben. So dicht, dass ich jetzt weder links noch rechts von mir erkennen kann, wie es hier in die Tiefe geht. Das nimmt mir zumindest mal die Höhenangst. Wilson steht wieder hilfreich zur Seite, während ich mich über die kantigen Felsen nach unten arbeite. Dass es noch schlimmer kommen kann, hätte ich nicht gedacht, nachdem dieses schwierige Stück bewältigt ist. Wilsons zweifelnder Blick zum Himmel lässt uns ganz rasch handeln. Sun, er und ich kramen eiligst in unseren Rucksäcken, um die Regenhosen herauszukramen. Dass dies absolut die richtige Entscheidung war, zeigt sich noch während des Überziehens über meines völlig verdreckten Stiefel. Von oben prasseln von einem Moment auf den anderen richtig fette Hagelkörner, die enorm schmerzen beim Aufprall auf der Haut. Der steile Berg verwandelt sich im Nu in eine rutschige Eisfläche.
Wilson lacht vor Begeisterung. "So etwas habe ich seit über drei Jahren nicht erlebt", freut er sich. Und droht gleich drauf auszurutschen, um zu Tale zu schliddern. Jetzt wird es zum Teil richtig gefährlich, er nimmt mich an die Hand. Zumindest bewahre ich ihn dreimal davor, selbst auf dem Lehmboden, der nun zu einer äußerst schlüpfrigen Unterlage mutiert, abwärts zu driften. Geschützt mit Regenjacke und Mütze komme ich zumindest ohne Blessuren davon, allerdings knallen die fetten Hagelkörner derart wuchtig auf meine Hand, die an Wilsons klammert, dass es weh tut.
Komplett durchweicht
Wir erleben bei diesem Auf- und Abstieg innerhalb dreieinhalb Stunden Sommer und Winter zugleich. Es ist wirklich unglaublich. Der Temperatursturz dürfte locker 15 Grad ausmachen, die zwischen vorhin und jetzt liegen. Und die Garantie für die Wanderstiefel nützt bei diesem Unwetter gerade gar nichts mehr. Obwohl Goretex und sauteuer, sind meine Füße längst durchweicht und eiskalt. Auch Sun und Wilson klagen über patschnasse Füße. Obendrein gewittert es über unseren Köpfen, die den Unbilden der Natur hilflos ausgeliefert sind, als verfluchte Gott die Welt. Blitze zucken grell um uns herum, während uns die Hagelkörner den Rest geben und wir uns auf jeden Schritt konzentrieren müssen, um ja nicht zu stürzen. Wilson klopft mir anerkennend auf die Schulter, zumal er erst kürzlich eine 43-jährige Deutsche vom Gipfel hinunter tragen hätte müssen, weil sie vor Angst nur geheult hat. Bei schönem Wetter. Das freut mich umso mehr, dass ich die Zähne zusammengebissen habe.
Wow - nach eineinhalb Stunden durch dieses stürmische Chaos sind wir endlich unten am See. Patschnass klatschen wir uns ab, lachen, freuen uns, dass wir es geschafft haben. Bei schönem Wetter kann das ja jeder, sind wir uns einig. Aber wiederholen möchte ich diese unvergessliche Tour dennoch nicht. Keine Frage, dass ich nach unserem Mittagessen in Otavalo - komplett durchweicht - regelrecht versessen darauf bin, dass mein Kamin im Zimmer eingeschürt wird. Ein wahrliches Kontrastprogramm zu Galapagos.
Harte Arbeit für wenig Geld
Eine letzte Herausforderung - ich lege auch mal Pausen ohne größere Unternehmungen ein - ist die Mountainbike-Tour an meinem letzten Tag in Otavalo mit Iwan. Klingt russisch, ist aber hundertprozentig indigen. Dreieinhalb Stunden auf dem Zweirad entlang der Vulkane rund um Otavalo bringen mich wieder einmal an meine Grenzen. Dennoch macht es Spaß, von Dorf zu Dorf zu radeln und auch Einblicke in Werkstätten zu gewinnen. Gleich in der Nähe besuchen wir eine Weberei, wo all das textile Kunsthandwerk aus Alpaka-Wolle entsteht. Mit Farben ausschließlich aus der Natur. Manchmal sollte man sich schämen - da nehme ich mich gar nicht aus -, um Produkte feilschen und den Preis nach unten treiben zu wollen angesichts der unglaublichen Arbeit, die hinter diesen Kunstwerken steckt. Stundenlang hocken die Weber in einem eigens dafür gebastelten Gestell auf dem Boden, um Läufer, Bändchen, Bettdecken und dergleichen in zum Teil wochenlanger Arbeit zu gestalten. "Nein, keine Probleme mit dem Rücken", erklärt mir der stärkere Weber, der auf dem Boden eingespannt ist.
Artesania de Sombrero - das ist unsere nächste Anlaufstelle. Hier treffen wir erneut auf die beiden Typen, die wir schon im kleinen Textilbetrieb getroffen haben. Schauen aus wie Journalisten. Sind auch welche, wie sich bei meiner neugierigen Nachfrage herausstellt. Die beiden - einer schreibt, einer fotografiert - kommen aus England und arbeiten für "Lonely Planet", quasi meine Reisebibel, die mir in den vergangenen fünf Monaten hilfreich zur Seite gestanden hat. Nun also sind wir im Dorf der Hüte angelangt, in Iluman. Zum Teil säumen hier aus Alpaka-Wolle gefilzte Hüte die Straßen, während sie trocknen. In vielen Schritten werden die so typischen Hüte hier von Hand hergestellt. Als alte Hüte-Sammlerin - vor Auflösung meiner Wohnung habe ich mich schweren Herzens von gut der Hälfte getrennt - ist das für mich ein wahres Eldorado. Dass ich nur zehn Dollar für das Exemplar hinblättern muss, ist schier unglaublich. Natürlich gibt es auch eine Menge weitaus feiner gearbeiteter Hüte, die dann um die 70 Dollar kosten, was immer noch ein absolutes Schnäppchen ist. Sogar für Leo gibt es Hüte. Allerdings kriegt er keinen, nur für ein kurzes Foto-Shooting. Es reicht schon, wenn ich das Ding jetzt pausenlos mit mir herumschleppen muss. Völlig geschafft zurück von der Tour, kann ich zusammenfassend nur sagen, dass Otavalo mir für kurze Zeit wieder ein bisschen heimelige Wohlfühl-Atmosphäre geboten hat - hoch droben auf dem Hügel in meinem Prinzessinnen-Schloss.
Traumhafter Blick vom Bett auf die Lichter der Stadt
Schon als mich mein Chauffeur gen Norden bringt, genieße ich das einzigartige Panorama. Mein Blick fällt auf die schneebedeckten Vulkane im Sonnenuntergang - einfach grandios. Wieder Eintauchen eine völlig andere Welt, in die andine eben, in die ich ja schon kurz vor Galapagos hineingeschnuppert habe. Es ist dunkel, als wir das Hotel La Casa Sol, das Schwester-Hotel des Hauses in Quito, in dem ich gewohnt habe, erreichen. Ich bin der einzige Übernachtungsgast. So viel Personal hatte ich noch nie für mich allein, wie wunderbar. Es ist das reinste Prinzessinnen-Schloss, und ich bekomme auch noch das schönste Zimmer von allen: Zwei Fenster und ein Balkon. Sogar aus dem Bett kann ich auf die Lichter der Stadt blicken. Denn ich wohne und throne drei Kilometer oberhalb Otavalos am Hang eines Berges, die Kaskaden im Dschungel gleich um die Ecke. Allerdings muss ich nun mit einem Temperaturunterschied von rund 20 Grad zurecht kommen, morgens gegen fünf Uhr zeigt das Thermometer zuweilen gruselige vier Grad. Wie gut, dass meine warmen Klamotten allesamt frisch sind, denn sämtliche Kleidung, die mit in Galapagos war, ist definitiv ein Fall für die Wäsche.
Viele wilde, aggressive Hunde
In Ecuador passiert es mir erstmals, dass ich mich gegen allzu wilde Hunde wappnen muss. Gleich am nächsten Vormittag, als ich mich auf den Weg zum Wasserfall mache, schnappt doch einer nach meiner Hose. Leider hab ich nur meine kleine Kamera in der Hand, mit der ich notfalls nicht zögern werde, solch einem zähnefletschenden Wüterich eines überzubraten - alle Hundefreunde mal weggehört. Zwar bin ich gegen Tollwut geimpft, aber lustig mag so ein Biss in solch einer Umgebung mit sicherlich nicht unbedingt meisterlich ärztlicher Versorgung auch nicht sein.
Die Kaskaden sind - für mich - nur mittelmäßig spektakulär. Vielleicht bin ich in diesem Punkt schon etwas zu verwöhnt nach Iguazu- und Niagara-Fällen oder dem Salto Angel in Venezuela. Der Wasserfall von Peguche (Cascada de Peguche) ist etwa 20 Meter hoch und gehört zu den beliebtesten und am leichtesten erreichbaren Ausflugszielen um Otavalo. Der Wasserfall wird von den indigenen Menschen verehrt, und man kann regelmäβig Einheimische beim rituellen Bad beobachten. Der Wanderweg liegt quasi bei mir vor der Haustür, und ich schlendere gern immer wieder durch den schön angelegten Park mit seinen groβen Eukalyptus-Bäumen, wo sich täglich zahlreiche Schulklassen tummeln.
Hinunter in die Stadt - mangels Stocks muss ich mir hin und wieder den Rucksack vor die Beine halten, um mir wütend kläffende Köter vom Hals zu halten - brauche ich etwa eine knappe Stunde. Indigenes Leben spiegelt sich an jeder Ecke. Die Menschen sind wahrlich winzig an Gestalt, manch Mütterchen in seiner Tracht reicht mir gerade bis über die Taille. Auch hier stoße ich immer wieder auf bettelnde Gebrechliche. Gut, dass ich meine Avocado mit Shrimps-Füllung in einem Restaurant einpacken lasse, weil ich sie nur zur Hälfte geschafft habe. Eine alte Frau ist dankbar dafür. Ich muss nach dem Schiffs-Trip ohnehin auf die Bremse drücken und weniger essen. Und vom Abendessen hab ich noch Brot im Rucksack, über das sich ein völlig ausgemergelter Hund, dem die Rippen mächtig herausstehen, in Sekundenschnelle hermacht.
Herausforderung Technik
In Otavalo erstehe ich endlich einen neuen Stick, mit dem ich die Fotos von der SD-Card in die Dropbox laden kann. Das hat mich die letzten Male oft zur Verzweiflung gebracht, weil mein alter nicht mehr richtig funktioniert hat. Als ob es keine anderen Probleme gäbe, hätte Chap zu mir ungeduldigem Wesen wohl gesagt - um selbiges Problem dennoch umgehend für mich zu lösen. Jetzt klappt es einwandfrei mit dem Herunterladen. Ja, in Sachen Technik musste ich mich auf Reisen schon umgewöhnen und vieles learning by doing versuchen, umzusetzen. Und das, wo Geduld der absolute Knackpunkt bei mir ist.
Jetzt brauche ich auch mal ein wenig Ruhe, um abschalten und alles verarbeiten zu können. Glücklicherweise begleitet mich stets - neben Leo - mein Notizblock, sonst gingen mir interessante Begegnungen und Ereignisse sicherlich auch einmal durch die Lappen. So stehen in Otavalo zwei volle Arbeitstage an, an denen ich alles zu Computer bringe. Und das bereitet eigentlich Freude, zumal ich noch einmal alles durchlebe und in einer herrlichen Umgebung schreiben kann mit Blick auf Vulkane und unglaublich viel Grün.
Jetzt, wo ich mich an die Alleinherrschaft in meiner fröhlich bunten Trutzburg gewöhnt habe, taucht doch tatsächlich noch ein Gast auf: Ich lerne Sun kennen - "wie die Sonne", grinst der 69-jährige Chinese. Da kommt mir doch glatt wieder der Song "Yellow Sun of Ecuador" in den Sinn, und innerlich muss ich laut auflachen. Wo wir schon mal zu zweit sind, können wir ja auch etwas gemeinsam unternehmen. Und es tun sich einige Parallelen auf. Das stellen wir tags darauf fest, als wir zusammen eine fünfstündige Tour rund um den Lago San Pablo machen und durch die Dörfer und Felder ringsum zu Füßen der Vulkane streifen. San Pablo ist der größte See im Kanton Otavalo, die Ufer dicht besiedelt mit Indigenen-Gemeinden. Hier wachsen große Bestände an Totora-Schilf, das in einigen Gemeinden zu Matten und Kunsthandwerk verarbeitet wird. Unglaublich viele Erdbeer-Felder - die Früchte werden in der Stadt meist von Indio-Frauen, die ihre Kinder auf dem Rücken festgezurrt haben, in Schubkarren angeboten - erstrecken sich entlang des Sees. Er ist ein beliebtes Ausflugsziel mit Bootsfahrten, Hotels und See-Restaurants. Erstmals sehe ich, wie Quinoa wächst, das Getreide der Inka, das unter Veganern auch in Deutschland zunehmend an Beliebtheit gewinnt. Momentan sind die Ähren rötlich.
Flauschiges Alpaka-Baby
Uns begegnen alte Frauen - wahrscheinlich sehen sie nur so alt aus -, deren derbe, zerfurchte Gesichter von harter Arbeit auf den Feldern am Fuße der Vulkane zeugen. Mit einem Stecken in der Hand halten sie Schafherden in Schach oder hüten ein, zwei Kühe, die sie an Stricken hinter sich herziehen. Als ich das Alpaka-Baby auf der Wiese vor einem Hotel am See erblicke, wird mir richtig warm ums Herz. So etwas Süßes. Ganz langsam nähere ich mich an, misstrauisch beäugt von dem Kleinen. Als ich jedoch den Hals des Tieres zu kraulen beginne, schmiegt es sich richtig in meine Hand. Es ist unglaublich flauschig, mir geht das Herz auf.
Sun und ich wollen weiter in die Stadt, schließlich sind wir - die Bier-Pause am See abgezogen - schon fast vier Stunden zu Fuß auf Achse. "Fünf Minuten", signalisiert der Ober. "Zu Fuß?" Ungläubig schüttelt er den Kopf und faselt was von einer Stunde, denkt sich wahrscheinlich, so blöd können auch nur Touristen sein. Zum Teil bleibt uns jetzt nichts anderes übrig, als eine Weile an der doppelspurigen, perfekt ausgebauten Panamericana entlang zu laufen, denn die Uferwege enden allesamt im Nichts. Angesichts der vorbei donnernden Lkws an der Panamericana ist das kein großer Spaß. Endlich ein Abzweig auf einen Feldweg, wo ich mich wegen es steilen Abstiegs gleich mal auf den Hintern setze. Wie oft ich auf dieser Reise schon umgeknickt oder gestürzt bin und nie etwas passiert ist - wahrscheinlich ist der Schutzengel meiner Mama, der hinten im Rucksack baumelt, Gold wert. Endlich zurück in der Stadt, noch das Notwendigste - Rotwein für mich, Croissants für Sun, der aber abends auch etwas vom Wein abkriegt - eingekauft, dann ab ins Taxi. Für heute reicht es wirklich mit Laufen.
Internationale Verbindung Schicksal
Der aus China stammende Sun, aufgewachsen in Korea, hat vor acht Jahren seinen einzigen Sohn im Alter von 30 Jahren durch den Missbrauch von Drogen verloren. Von einem Tag auf den andern hat Sun seine Arbeit - eigene Firma, die noch heute von Angestellten weitergeführt wird - niedergelegt und sich auf Reisen begeben. So wie ich, nur ohne eigene Firma. Und er fühlt sich besser dabei, es hat ihm Luft verschafft. So wie mir. Nur - ich bin noch nicht ganz so weit wie er. Im Gegensatz zu mir, wo ich ja meine Bleibe aufgegeben habe, besitzt Sun immerhin noch zwei Häuser in China und eines in Miami. Trotz seiner 69 Lenze ist der Chinese, der viele seltsame Beutel mit getrocknetem Essen dabei hat, die er im Hotel in heißem Wasser auflöst, absolut fit. Mögen es die seltsamen Beutel sein? Die fünf Stunden, zum Teil auch entlang der Panamericana, schaffen ihn aber gottseidank ebenso wie mich. Sonst müsste ich vielleicht auch auf derartige Beutel umsteigen, die mir nicht allzu schmackhaft erscheinen, für ihn hingegen ein Lebenselixier darstellen. In Ermangelung weiterer Gäste nehmen wir erneut gemeinsam das Abendessen ein und teilen uns eine Flasche Rotwein. Nicht zu lange, denn für morgen planen wir auch etwas zusammen: die Besteigung des Fuya Fuya.
Bis gestern wusste ich nichts von dem Berg. Heute weiß ich, dass ich den Auf- beziehungsweise Abstieg wohl nie vergessen werde. Morgens um acht Uhr steht Wilson auf der Matte. Ein echter Indio, pardon, Indigeno. "Eine Stunde Fahrt", bedeutet er uns anfangs etwas schüchtern. Doch während des Tages taut er auf, wundert sich über das seltsame deutsch-chinesische Paar, was ich umgehend zurecht rücken muss. Unser Guide spricht nur Spanisch, was kein Problem darstellt, zumal Sun ganz gut parliert. Und auch ich komme mittlerweile recht gut zurecht, wenn es um simple Dinge geht. Zumindest bescheinigt mir der 40-jährige Wilson, dass ich "gut" Spanisch spreche. Davon hatte ich bis gestern keine Ahnung. Aber schön, dass wir uns verstehen.
Ohne Zickzack nach oben
Wir fahren über eine heftig holprige und antike Pflasterstraße, die einst die Inka gebaut haben, immer tiefer in die Berge, bis zum Ufer des groβen Mojanda-Sees auf einer Höhe von 3700 Metern. Unterwegs klettern zwei alte Frauen und ein Mann hinten auf den Pickup, damit sie schneller in ihr Dorf gelangen. Majestästisch präsentiert sich der Gipfel im Sonnenschein. Da rauf?, schießt es mir durch den Kopf - mit einer gehörigen Portion Respekt. Am Mojanda-See lassen wir den Wagen stehen und beginnen mit unserem Aufstieg, der zwei Stunden lang durch Paramo-Grasland steil nach oben zum Gipfel des Fuya-Fuya (4265 Meter) führt. Ich latsche natürlich gleich zu Beginn in ein fettes Schlammloch, das meine kompletten Wanderstiefel mit einer siffigen Brühe überzieht. Was eigentlich nicht weiter schlimm sein sollte angesichts dessen, was noch folgt. Es geht geradewegs nach oben. Steil und immer steiler. Wilson lacht. "Wir Indigenos nehmen den geraden Weg, kein Zickzack." Alle paar Meter muss ich stoppen, durchatmen. An den niedrigen Grasbüscheln - mein Kreuz schmerzt schon nach der ersten halben Stunde - ziehe ich mich Meter für Meter nach oben. "Die Kinder springen hier hoch und fahren mit Pappdeckeln oder Plastiktüten den Berg wieder runter", erzählt Wilson vom Freizeitspaß der kleinen Indios. Wie wunderbar! Allein der Gedanke an die rutschige Abfahrt auf dem Hintern hinterlässt ein ungutes Gefühl in meiner Magengrube. Es wird immer steiler, und ich frage mich, wie ich bei aller Liebe den Rückweg, der auf selbigem Pfad hinunterführt, meistern soll.
Links und rechts steil nach unten
Die Krönung des Aufstiegs steht noch bevor, auch wenn Bergsteiger müde darüber lächeln mögen. Ich bin noch nie ein Bergsteiger gewesen, und mir wird regelrecht schlecht, als ich die Felsen vor mir sehe, die ich noch überwinden soll, ehe ich den Gipfel erreiche. Wilson klettert immer ein Stück voraus, reicht mir die Hand und weist mich an, welche Schritte ich wohin tun soll. Endlich oben, bin ich gerade nicht entzückt, dass noch die Sonne scheint. Denn somit sehe ich, dass es sowohl links als auch rechts von mir geradewegs hinunter in die Tiefe geht. Absturz sicherlich mit tödlichem Ausgang oder zumindest mit etlichen Knochenbrüchen. Und das bei meiner Höhenangst. Ich meistere es, wenn auch nicht mit Bravour. Aber außer unserem seltsam zusammengewürftelten Trio sieht man hier kilometerweit keine Menschenseele. Somit auch niemanden, der sich etwa über meine Kletterkünste lustig machen könnte. Nicht mal ein Tierchen ist hier zu erspähen - außer lästige Fliegen.
Oben angekommen, genieβen wir den gigantischen Ausblick auf die Mojanda-Seen und auf die umliegenden Berggipfel des Imbabura, Cotacachi und Cayambe. Der 4265 Meter hohe Fuya Fuya und der benachbarte Cerro Negro (4263 Meter) sind die höchsten Erhebungen auf dem Kraterrand einer stark erodierten Caldera, in der sich die Laguna da Mojanda befindet. Der inaktive Vulkankomplex liegt 17 Kilometer südlich von Otavalo und hat an seiner Basis einen Durchmesser von etwa 20 Kilometern, wie ich natürlich im Internet nachlese. Der Berg muss ursprünglich eine Höhe von ungefähr 6000 Metern erreicht haben, heißt es da. Vor zirka 200.000 Jahren wurde der mächtige Vulkankegel in zwei gewaltigen Explosionen zerstört. Vor 165.000 Jahren, so haben Wissenschaftler wohl herausgefunden, zeigte der Gipfel des Fuya Fuya seine letzte vulkanische Aktivität. Also sind wir auf der sicheren Seite. Allerdings gibt es ja noch unzählige andere und auch aktive Vulkane in Ecuador.
Traumhafte Aussicht
Während wir 15 Minuten die traumhafte Aussicht genießen und ein wenig an der Kokosnuss herumnagen, die ich mit hinaufgeschleppt habe, ziehen von allen Seiten dichte Wolken nach oben. So dicht, dass ich jetzt weder links noch rechts von mir erkennen kann, wie es hier in die Tiefe geht. Das nimmt mir zumindest mal die Höhenangst. Wilson steht wieder hilfreich zur Seite, während ich mich über die kantigen Felsen nach unten arbeite. Dass es noch schlimmer kommen kann, hätte ich nicht gedacht, nachdem dieses schwierige Stück bewältigt ist. Wilsons zweifelnder Blick zum Himmel lässt uns ganz rasch handeln. Sun, er und ich kramen eiligst in unseren Rucksäcken, um die Regenhosen herauszukramen. Dass dies absolut die richtige Entscheidung war, zeigt sich noch während des Überziehens über meines völlig verdreckten Stiefel. Von oben prasseln von einem Moment auf den anderen richtig fette Hagelkörner, die enorm schmerzen beim Aufprall auf der Haut. Der steile Berg verwandelt sich im Nu in eine rutschige Eisfläche.
Wilson lacht vor Begeisterung. "So etwas habe ich seit über drei Jahren nicht erlebt", freut er sich. Und droht gleich drauf auszurutschen, um zu Tale zu schliddern. Jetzt wird es zum Teil richtig gefährlich, er nimmt mich an die Hand. Zumindest bewahre ich ihn dreimal davor, selbst auf dem Lehmboden, der nun zu einer äußerst schlüpfrigen Unterlage mutiert, abwärts zu driften. Geschützt mit Regenjacke und Mütze komme ich zumindest ohne Blessuren davon, allerdings knallen die fetten Hagelkörner derart wuchtig auf meine Hand, die an Wilsons klammert, dass es weh tut.
Komplett durchweicht
Wir erleben bei diesem Auf- und Abstieg innerhalb dreieinhalb Stunden Sommer und Winter zugleich. Es ist wirklich unglaublich. Der Temperatursturz dürfte locker 15 Grad ausmachen, die zwischen vorhin und jetzt liegen. Und die Garantie für die Wanderstiefel nützt bei diesem Unwetter gerade gar nichts mehr. Obwohl Goretex und sauteuer, sind meine Füße längst durchweicht und eiskalt. Auch Sun und Wilson klagen über patschnasse Füße. Obendrein gewittert es über unseren Köpfen, die den Unbilden der Natur hilflos ausgeliefert sind, als verfluchte Gott die Welt. Blitze zucken grell um uns herum, während uns die Hagelkörner den Rest geben und wir uns auf jeden Schritt konzentrieren müssen, um ja nicht zu stürzen. Wilson klopft mir anerkennend auf die Schulter, zumal er erst kürzlich eine 43-jährige Deutsche vom Gipfel hinunter tragen hätte müssen, weil sie vor Angst nur geheult hat. Bei schönem Wetter. Das freut mich umso mehr, dass ich die Zähne zusammengebissen habe.
Wow - nach eineinhalb Stunden durch dieses stürmische Chaos sind wir endlich unten am See. Patschnass klatschen wir uns ab, lachen, freuen uns, dass wir es geschafft haben. Bei schönem Wetter kann das ja jeder, sind wir uns einig. Aber wiederholen möchte ich diese unvergessliche Tour dennoch nicht. Keine Frage, dass ich nach unserem Mittagessen in Otavalo - komplett durchweicht - regelrecht versessen darauf bin, dass mein Kamin im Zimmer eingeschürt wird. Ein wahrliches Kontrastprogramm zu Galapagos.
Harte Arbeit für wenig Geld
Eine letzte Herausforderung - ich lege auch mal Pausen ohne größere Unternehmungen ein - ist die Mountainbike-Tour an meinem letzten Tag in Otavalo mit Iwan. Klingt russisch, ist aber hundertprozentig indigen. Dreieinhalb Stunden auf dem Zweirad entlang der Vulkane rund um Otavalo bringen mich wieder einmal an meine Grenzen. Dennoch macht es Spaß, von Dorf zu Dorf zu radeln und auch Einblicke in Werkstätten zu gewinnen. Gleich in der Nähe besuchen wir eine Weberei, wo all das textile Kunsthandwerk aus Alpaka-Wolle entsteht. Mit Farben ausschließlich aus der Natur. Manchmal sollte man sich schämen - da nehme ich mich gar nicht aus -, um Produkte feilschen und den Preis nach unten treiben zu wollen angesichts der unglaublichen Arbeit, die hinter diesen Kunstwerken steckt. Stundenlang hocken die Weber in einem eigens dafür gebastelten Gestell auf dem Boden, um Läufer, Bändchen, Bettdecken und dergleichen in zum Teil wochenlanger Arbeit zu gestalten. "Nein, keine Probleme mit dem Rücken", erklärt mir der stärkere Weber, der auf dem Boden eingespannt ist.
Artesania de Sombrero - das ist unsere nächste Anlaufstelle. Hier treffen wir erneut auf die beiden Typen, die wir schon im kleinen Textilbetrieb getroffen haben. Schauen aus wie Journalisten. Sind auch welche, wie sich bei meiner neugierigen Nachfrage herausstellt. Die beiden - einer schreibt, einer fotografiert - kommen aus England und arbeiten für "Lonely Planet", quasi meine Reisebibel, die mir in den vergangenen fünf Monaten hilfreich zur Seite gestanden hat. Nun also sind wir im Dorf der Hüte angelangt, in Iluman. Zum Teil säumen hier aus Alpaka-Wolle gefilzte Hüte die Straßen, während sie trocknen. In vielen Schritten werden die so typischen Hüte hier von Hand hergestellt. Als alte Hüte-Sammlerin - vor Auflösung meiner Wohnung habe ich mich schweren Herzens von gut der Hälfte getrennt - ist das für mich ein wahres Eldorado. Dass ich nur zehn Dollar für das Exemplar hinblättern muss, ist schier unglaublich. Natürlich gibt es auch eine Menge weitaus feiner gearbeiteter Hüte, die dann um die 70 Dollar kosten, was immer noch ein absolutes Schnäppchen ist. Sogar für Leo gibt es Hüte. Allerdings kriegt er keinen, nur für ein kurzes Foto-Shooting. Es reicht schon, wenn ich das Ding jetzt pausenlos mit mir herumschleppen muss. Völlig geschafft zurück von der Tour, kann ich zusammenfassend nur sagen, dass Otavalo mir für kurze Zeit wieder ein bisschen heimelige Wohlfühl-Atmosphäre geboten hat - hoch droben auf dem Hügel in meinem Prinzessinnen-Schloss.