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Interview

Georges Momboyé: „Ich will Afrikas Talente zeigen“

Durchtrainierte Artisten und Musiker, die mit Körper und Geist im Einklang sind – das ist „Afrika! Afrika!“ Die Show geht auf Tournee – unter der Regie von Georges Momboyé.



"Afrika! Afrika!"
  Foto: Nilz Boehme
Herr Momboyé, welche Vision hatten Sie von der Show, als Sie sie von André Heller übernahmen?
Wir wollen zeigen, von wo wir kommen, wo wir hin wollen und wie alles begonnen hat. Die neue „Afrika! Afrika!“-Show soll anhand von vielen Details aufzeigen, wie wir wirklich sind. Aber zuhause in Paris arbeite ich auch mit europäischen Tänzern, Sängern und Akrobaten. 
 
Kann man das wahre Afrika überhaupt auf einer Bühne zeigen?
Das wahre Afrika zu zeigen ist sehr schwer, weil es so viele verschiedene Gesichter hat. Selbst ich weiß nicht genau, was das sein soll. Aber ich will die wahren Talente aus Afrika zeigen! Artisten, die den afrikanischen Spirit verstehen. 
 
Wie würden Sie diesen Spirit beschreiben?
Damit meine ich, dass man mit diesen Talenten aus Afrika jeden Tag arbeiten muss. Der Spirit von Afrika ist wie ein Gebet. Und er steht für eine bestimmte Verhaltensweise. Wenn du ein Talent hast und dieses verkümmern lässt, dann ist das ein Frevel. Ich möchte mit Leuten arbeiten, die einentwickelt haben. Auch wenn ich nicht weiß, wo mein Talent herkommt, muss ich jeden Tag dafür arbeiten. Ich darf meinen Körper und meinen Geist nicht zerstören. 
 
Wie viele junge, arbeitshungrige und hochbegabte Artisten gibt es in Afrika?
Es gibt viele talentierte junge Leute in allen Teilen Afrikas. Weil diese Show auch in Afrika berühmt ist. Alle dortigen Tanz- und Zirkusschulen würden gern dabei sein. Unsere Artisten sind alle Profis. Wir haben sie in Zirkusschulen, Zirkussen und Tanzkompanien gefunden.
 
Warum gibt es in Afrika so viele junge Talente?
Weil in Afrika traditionelle Festivitäten eine große Rolle spielen. Wir huldigen dem Körper, dem Geist, der Seele, dem Raum. Wir probieren alles aus, was mit unserem Körper möglich ist. Wir denken, wenn man auf den Füßen laufen kann, müsste das eigentlich auch auf den Händen möglich sein. Das Wissen um die Verbindung von Körper, Geist und Seele hat bei uns eine immense Bedeutung. 
 
Wie sehr sind die mitwirkenden Artisten noch ihren alten Traditionen, den spirituellen Ritualen, Kunstformen und Geisterwelten verhaftet?
Eine Nummer wie die menschliche Pyramide hat nichts mit afrikanischen Traditionen zu tun. Aber unsere Tanz-Acts aus Südafrika, dem Senegal und der Elfenbeinküste sind sehr traditionell. 
 
Wie wurden Sie selbst Tänzer?
Meine Heimatstadt Kouibly ist in der Elfenbeinküste bekannt als Ort der Weißen. Es war der erste Ort, in dem sich französische Kolonianisten ansiedelten. Als Kind habe ich in Kouibly rituelle Tänze gelernt. Sie gehören dort zum Initiationsritus. Dieser Prozess zog sich über fünf Jahre hin. Im Wald. Mein Großvater war ein Häuptling der Gla-Society. Diese Leute trugen Masken bei rituellen Zeremonien, wenn zum Beispiel ein bedeutendes Mitglied der Gemeinschaft gestorben war. Mit acht Jahren kam ich in die Hauptstadt Abidjan. Dort tanzte ich später im Nationalballett der Elfenbeinküste und anschließend durfte ich auf Alvin Aileys Dance-School in New York gehen, wo ich fünf Jahre blieb. Schließlich habe ich in Paris meine eige Bewusstsein für ihre Fähigkeiten ne Tanzkompanie gegründet. 
 
Die Show „Afrika! Afrika!“ bringt ein Dutzend afrikanische Nationalitäten zusammen. Wie sehr unterscheiden sich die Herkunftsländer und Kulturen?
Die Unterschiede sind sehr groß, was das Essen, die Sprache und die Kunst betrifft. Aber diese Dinge sind nicht ausschlaggebend für die Show. Sie handelt eher vom Zusammenfinden. Für mich sind die verschiedenen Qualitäten, die hier aufeinandertreffen, ein Zeichen von positiver Stärke. 
 
Was haben alle Afrikaner gemein?
Ja, wir haben auch Gemeinsamkeiten. In allen westafrikanischen Ländern ist z.B. das Essen ähnlich. Die Leute tanzen und kleiden sich dort auch ähnlich. Und alle Afrikaner glauben an die Kraft ihrer Ahnen. 
 
Heute ist alles globalisiert: Gibt es auch in der zeitgenössischen afrikanischen Kultur Stilelemente, deren Ursprünge woanders liegen als in Afrika?
Das ist ein großes Problem. Früher gab es in den Städten und Dörfern kein Fernsehen und kein Telefon. Heute stehen die Apparate sogar im hintersten Ort im Dschungel. So können die Leute sich anschauen, wie man in Amerika lebt. Und sie wollen genauso leben. Auf diese Weise verlieren wir nach und nach unsere Traditionen. Mit dieser Show versuchen wir, authentische afrikanische Kultur zu zeigen. Nicht die ganze Zeit, aber streckenweise. Gegen die kulturelle Globalisierung kann man sich kaum wehren, dieser Verdrängungs- und Vermischungsprozess ist zu stark. Überall auf der Welt laufen im Radio und Fernsehen die gleichen Sachen. 
 
Wie geht Ihre Familie in der Heimat damit um?
Sie haben inzwischen auch Telefon und Fernsehen. Ich kann sie jederzeit anrufen und mich nach ihrem Befinden erkundigen. Manchmal sagen sie: Ich habe dieses oder jenes im Fernsehen gesehen. Kannst du es mir kaufen? Das ist keine gute Entwicklung. Warum machen sich so viele Afrikaner auf den Weg nach Europa und sterben in Libyen oder bei der Überfahrt auf dem Mittelmeer? Weil sie von dem schönen Europa, das sie aus dem Fernsehen kennen, träumen. Leider wird im TV nicht gezeigt, wie vielen Afrikanern in Europa es schlecht geht. Das ist wirklich schade!
 
Um den Flüchtlingsstrom aus Afrika zu stoppen, will die EU ihre südliche Außengrenze verlagern und mehr in Afrika investieren, um den Menschen vor Ort zu helfen. Wie denken Sie darüber?
Ich halte das für eine gute Idee. Wenn die EU es wirklich ernst meint. Ich bin mir da nicht sicher. Wenn irgendwo eine Tür geschlossen wird, öffnet sich woanders eine neue. Afrikaner sind ja nicht dumm und finden immer einen Weg. Das Thema ist jedenfalls sehr komplex. Und ich habe noch eine Vision: In unserer Show zeigen wir Afrikaner und Afrikanerinnen. Warum sollte man nicht mal eine Show nur mit Frauen machen? Mit talentierten Powerfrauen! Ich möchte die Liebe, die mir meine Mutter gegeben hat, mit anderen teilen. Es ist Zeit, mich bei meiner Mutter zu bedanken. 
 
Ist in Afrika die Mutter bedeutender als der Vater?
Ja. Wenn Sie wüssten, wie hart afrikanische Mütter arbeiten! Meine Mutter und mein Vater sind immer zusammen zur Arbeit in den Wald gegangen. Abends musste sie zuhause weiterschuften: kochen, sich ums Haus kümmern und Probleme lösen. Während mein Vater einfach nur dasaß und aufs Essen wartete. Meine Mutter hat Tag und Nacht geackert. Bei all diesen Müttern möchte ich mich ganz herzlich bedanken. 
 
Sie sind mehrsprachig aufgewachsen. Was bedeutet Ihnen die französische Sprache?
Sie hilft mir, mit anderen zu kommunizieren. Aber je mehr ich dies tue, desto mehr verliere ich meine afrikanischen Muttersprachen Wobe und Guere. Viele Wörter habe ich bereits vergessen. „Guere“ bedeutet übrigens stark und „Wobe“ ängstlich. Ich habe also zwei sehr unterschiedliche Eigenschaften. (lacht)
 
Wie viel Zeit verbringen Sie noch in der Heimat?
Voriges Jahr waren es sechs Monate. Das hatte damit zu tun, dass ich von der ivorischen Regierung geehrt wurde. Ich bin jetzt ein Chevalier de blablabla. (lacht) Ich wurde gebeten, dass Nationalballett wieder aufzubauen. Immer wenn ich dort unten bin, probe ich täglich acht Stunden mit großartigen Tänzern. Nach „Afrika! Afrika!“ werde ich damit fortfahren. 
 
Wie stellen Sie sich die Zukunft Afrikas vor?
In Afrika muss sich vieles ändern. Die alten Politiker müssen weg. Denn sie warten immer nur darauf, dass europäische Politiker ihnen dabei helfen, ihr Land bzw. ihren Kontinent aufzubauen. Ein gutes Beispiel für einen neuen Weg ist André Heller. Er brachte mir einst bei, wie man eine Show zusammenstellt. Ich telefoniere noch immer jeden Tag mit ihm. Er sagte zu mir, er wolle mir diese Show übergeben, denn jetzt sei meine Zeit gekommen. Wenn er immer noch jeden Tag da wäre, wie sollte ich mich dann weiterentwickeln? Wir Afrikaner können nicht ewig darauf warten, dass uns die Europäer Geld geben, was dann in irgendwelchen Taschen verschwindet. Diese Dinge müssen sich ändern. Wir brauchen neue Leute, die verstanden haben, dass wir die Beziehungen zu Europa nicht beenden, aber auf eine andere Art und Weise fortführen müssen. Alles, was wir gegenwärtig von den Europäern bekommen, haben wir bereits in Afrika. Wir müssen uns nur hinsetzen und eigene Visionen entwickeln, damit wir wieder stolz werden. 
 
 
"Afrika! Afrika!" live
Die Show „Afrika! Afrika“ ist am 2. Mai um 19.30 Uhr in der Donau-Arena in Regensburg zu erleben und am 3. Mai um 19.30 Uhr in der Arena in Bamberg. Karten dafür gibt es bei uns.
Autor

Das Gespräch führte Olaf Neumann
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
16. 04. 2018
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Olaf Neumann

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Veröffentlicht am:
16. 04. 2018
06:00 Uhr



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