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Kunst und Kultur

Die Zukunft beginnt hier

Vier Tage. 600 Konzerte. Ungezählte Talkrunden und Konferenzen. Und jede Menge an neuen Erkenntnissen. Europas größtes Clubfestival macht’s möglich.



Der Überraschungsgast: Die Band "Deichkind" spielte beim Reeperbahn-Festival als Geheimtipp auf einer Bühne vor dem Millerntorstadion, der Heimstatt des FC St. Pauli. Das Reeperbahn-Festival gibt es seit 2006 und zählt zu den wichtigsten Treffpunkten der Musikwirtschaft weltweit.	Foto: Axel Heimken/dpa
Der Überraschungsgast: Die Band "Deichkind" spielte beim Reeperbahn-Festival als Geheimtipp auf einer Bühne vor dem Millerntorstadion, der Heimstatt des FC St. Pauli. Das Reeperbahn-Festival gibt es seit 2006 und zählt zu den wichtigsten Treffpunkten der Musikwirtschaft weltweit. Foto: Axel Heimken/dpa  

Hamburg - Gedränge sollte man schon abkönnen. "Mehr als 50 000 Besucher*innen", so die etwas schwammige offizielle Zahl des Veranstalters, müssen erst mal verteilt werden. Doch die exakt 412 Acts, die unglaubliche 600 Konzerte gaben, waren immer noch zu wenig, um alle Besucher-Erwartungen zu erfüllen. Längst überfüllte Clubs - und trotzdem lange Warteschlangen Verzweifelter davor, stellten nicht die Ausnahme, sondern die Regel dar. Der gemeine Fan nahm es seufzend hin. Denn die Belohnung für vier Tage Schlangestehen und Gedränge liegt auf der Hand: Nirgendwo in Europa bekommt man einen schnelleren und besseren Überblick, wohin sich Rock und Pop gerade bewegen - und nicht etwa nur, was das "nächste große Ding" angehen könnte. Auch, was Digitalisierung, Klimawandel und Political Correctness aus dem ungleichen Genre-Paar Rock und Pop machen. Und da passiert so einiges, von denen das Reeperbahnfestival auch selbst zehrt. Zum Beispiel, was das Thema Gender angeht: 43 Prozent aller auftretenden Acts waren Frauen - ein extrem hoher Wert, im Vergleich zu anderen Festivals. Auch der lesbisch-schwulen Community bietet das Reeperbahn-Festival eine wirkliche Heimstatt. Die Künstler wurden allerorten abgefeiert - mit Recht: Der qualitative Aspekt der in Hamburg St. Pauli auftretenden Akteure ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben.

Jede noch so kleine Klitsche mitgezählt, in der irgendwas stattfindet, sind es um die 130 Veranstaltungsorte. Dort dröhnt selbstverständlich nicht ausschließlich Musik aus Lautsprecherboxen. Das Reeperbahn-Festival bietet schließlich auch Konferenzen und Workshops für knapp 6000 Fachbesucher der internationalen Musikwirtschaft. Der Themenvielfalt sind alljährlich fast keine Grenzen gesetzt. Doch gibt es diverse Schwerpunkte: Die Digitalisierung macht sich selbstverständlich auch im Pop-Geschäft bemerkbar. Als Schlagworte seien nur Streaming, Ticketing und Gaming genannt. Ja, Gaming. Ohne Spiel-Stationen kommen offenbar immer weniger Festivals aus, wie gleich mehrfach in den meist tagsüber stattfindenden Gesprächsrunden betont wurde. Und doch sorgt in Hamburg ein vermeintlicher Nebenkriegsschauplatz für Extra-Stirnrunzeln unter den Business-Menschen: Netflix und Co. tragen zumindest indirekt zum allgemein beklagten Club-Sterben bei: Weil der Konsument, dieses windige Wesen, sich derzeit lieber drei Mal überlegt, ob er seine sauer verdiente Kohle den Konzert- und Festival-Veranstaltern in den Rachen wirft oder sich besser eine angesagte TV-Serie reinzieht. Und so müssen die armen Festivalmacher ihre Veranstaltungen zu Rundum-Wohlfühl-Events aufblasen - womit wir wieder bei den erwähnten Gaming-Stationen wären. Riesenräder kommen auch immer gut an ...

Überhaupt sind die Konzerteintrittspreise, namentlich bei den Festivals, an ein Level gelangt, dass man nicht mehr ohne Weiteres steigern könne, so die gängigen Klagen. Daran seien aber nicht nur die ach so bösen Künstler schuld, die raffgierig ihre Hände aufhielten, nachdem der Tonträger-Markt immer mehr einbricht, sondern auch die explodierenden Nebenkosten. Im Gegensatz zum Markt in den USA, wo die Festival-Landschaft überschaubar ist, schießen in Europa neue Festivals wie Pilze aus dem Boden. Doch die auf Events spezialisierten Fachfirmen gibt es halt nicht wie Sand am Meer ... Und so hält auch diese Klientel beide Hände auf. Außerdem macht auch das garstige Wetter den armen Freiluft-Veranstaltern zu schaffen. Dazu kommen Versicherungen und anderes Ärgernis mehr. Diese durch die Decke gehenden Kosten führen schon jetzt zu einer Marktkonzentration - und zukünftig wohl zu weiteren Zusammenschlüssen und Mega-Konzern-Bildungen.

Und dabei sollte es doch eigentlich um die Musik gehen. Diese war an den vier Tagen Reeperbahnfestival schlicht und ergreifend großartig. Einfach nicht zu fassen, woher all diese talentierten und kreativen Menschen kommen. Aber auch nicht, wer eigentlich diese schiere Masse grandioser Werke alle hören soll - ob bei den Streamingdiensten, auf Tonträger gepresst oder live gespielte. Denn ein wirklich großer Menschenschlag - nämlich die zur selben Zeit Hamburg besuchenden Touristen - drängt sich während der vier Festivaltage keineswegs in die Clubs und Hallen. Beispiel "Große Freiheit 36", Samstagnacht: Der Saal platzt beim Konzert von The Subways gerade aus allen Nähten. Doch noch voller ist’s auf der weltberühmten Straße davor: Abertausende schieben sich im Stundentakt durch - und grölen bis frühmorgens aus den Boxen dröhnende Songs mit - vor allem Schlager. Willkommen in der harten Realität.

Und so werden die Sorgen der kreativen Musikwirtschaft zukünftig wohl auch nicht kleiner.

Autor

Heike Kraske, Thoralf Lange
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Veröffentlicht am:
24. 09. 2019
16:40 Uhr

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Heike Kraske, Thoralf Lange

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Veröffentlicht am:
24. 09. 2019
16:40 Uhr



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