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Bunte Kultur gegen braunen Aufmarsch

Die Wunsiedler Bürger veranstalten am Samstag ein riesiges Programm. Damit wollen sie für Vielfalt und Toleranz werben.



Sie laden am Samstag alle Bürger zu den Veranstaltungen von "Wunsiedel ist bunt" ein (von links): Arno Speiser von der Mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus, die Sprecherinnen von "Wunsiedel ist bunt", Svenja Fassbinder und Christine Lauterbach, Dekan Peter Bauer, Nanne Wienands von der Allianz gegen Rechtsextremismus, Klaus Hofmann von "Wunsiedel ist bunt", Christian Schlademann von der EJBA Hof, Pfarrer Jürgen Schödel und Stefan Denzler von "Demokratie leben".
Sie laden am Samstag alle Bürger zu den Veranstaltungen von "Wunsiedel ist bunt" ein (von links): Arno Speiser von der Mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus, die Sprecherinnen von "Wunsiedel ist bunt", Svenja Fassbinder und Christine Lauterbach, Dekan Peter Bauer, Nanne Wienands von der Allianz gegen Rechtsextremismus, Klaus Hofmann von "Wunsiedel ist bunt", Christian Schlademann von der EJBA Hof, Pfarrer Jürgen Schödel und Stefan Denzler von "Demokratie leben".   Foto: Florian Miedl

Wunsiedel - Es ist ein schauriges Ritual: Jahr für Jahr marschieren in Wunsiedel Neonazis durch die Stadt. Dunkel gekleidet und mit Fackeln in der Hand wecken sie Erinnerungen an das Dritte Reich. Wer den Aufmarsch je gesehen hat, denkt sich mit einem Schaudern, wie verblendet doch Menschen sein können. Doch Wunsiedel ist alles andere als nazibraun. Die Stadt steht seit jeher für Vielfalt und Weltoffenheit. Genau dies wollen die Bürger am Samstag zeigen. Wenn im Wunsiedler Norden vermutlich um die 200 Sympathisanten und Mitglieder der rechtsextremen Partei "Der dritte Weg" abgeschirmt von der Polizei ihren Fackelzug starten, gibt es im Rest der Stadt ein riesiges Kulturprogramm.

Shuttle-Bus

Die Stadt Wunsiedel setzt am Samstag einen Shuttle-Bus ein. Er verkehrt zwischen 15 und 17 Uhr und nach den Abendveranstaltungen zwischen dem Marktredwitzer Bahnhof und dem Wunsiedler Marktplatz.

Wie die Sprecherinnen des Netzwerkes "Wunsiedel ist bunt", Svenja Faßbinder und Christine Lauterbach, am Montag bei einer Pressekonferenz sagten, haben die Organisatoren für den Samstag derart viele Veranstaltungen geplant, "dass es schwierig wird, alle zu besuchen".

Tatsächlich könnte man glauben, es gehe um die Kultnacht und nicht um eine Antwort auf die dunkelste Veranstaltung, mit der Wunsiedel seit 32 Jahren scheinbar leben muss. Genau dies ist zumindest ein Teil des Anliegens von Svenja Faßbinder, Christine Lauterbach und den übrigen Organisatoren. "Unser Motto lautet ,Suche Frieden und jage ihm nach!’ ", sagte Svenja Faßbinder. Dass es sich dabei um einen Spruch aus Psalm 34 handelt, freute Dekan Peter Bauer. "Es geht schlicht um das friedliche Zusammenleben in der Vielfalt."

In der Festspielstadt klappt dies seit vielen Jahren hervorragend. So hat Wunsiedel nicht nur rund tausend russisch-stämmige Bürger integriert und profitiert von ihnen, sondern auch zahlreiche Migranten seit 2015. In der Stadt gibt es zahllose Beispiele, wie gut das Zusammenleben zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen und Herkunftsländern funktioniert. Und wenn es mal Spannungen gibt, lassen sich diese in aller Regel schnell klären.

Eine gänzlich andere Weltsicht haben die Marschierer der Partei "Der dritte Weg". Wie Arno Speiser von der mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus im Gespräch mit der Frankenpost sagte, handelt es sich bei dem Aufmarsch in Wunsiedel um eine Art "internes Klassentreffen" der Partei. Eine große Außenwirkung sieht er bei den Leuten nicht. Dennoch hält er es angesichts der Vorkommnisse bei einer Dritter-Weg-Demonstration im Mai in Plauen für angebracht, dass die Genehmigungsbehörden genauer hinsähen, wer da wie marschiere. In der sächsischen Stadt sind die Neonazis in einem uniformierten Zug durch die Stadt gelaufen. Der martialische Aufmarsch mit einheitlicher Kleidung und Fackeln hatte Beobachter an das Auftreten der Nationalsozialisten im Dritten Reich erinnert.

Einen regelrechten Kontrast zu dem Marsch der Neonazis, der vor allem Angst schüren soll, haben die Bürger auf die Beine gestellt.

Los geht es um 16 Uhr an der Friedhofskirche. "Hier veranstalten wir ein ökumenisches Friedensgebet", sagte Pfarrer Jürgen Schödel, der seit Jahren ebenfalls dem Sprecherkreis von "Wunsiedel ist bunt" angehört. Nach der Andacht ziehen die Teilnehmer zum Jean-Paul-Platz zu einem abschließendem Gebet. Die Kirche Sankt Veit sei an diesem Tag optisch entsprechend gestaltet. Unter anderem hänge ein großes Banner mit dem Psalm-Spruch "Suche Frieden und jage ihm nach!" an der Kirche. Der Satz ist unter anderem die diesjährige evangelische Jahreslosung.

Um 16.30 Uhr beginnt am Marktplatz ein buntes Programm. Hier gibt es laut Svenja Faßbinder mehrere Essensstände, und wegen der Kälte muss auch niemand daheim bleiben. "Wir heizen ein."

Einheizen werden unter anderem auch die Bands Superskank und ESA, die der Verein "Wunstock" organisiert hat. Die Bands betreten um 17 und um 18 Uhr die Bühne.

Erstmals ist die Evangelische Jugendbildungsarbeit Hof (EJBA) in Wunsiedel als Mitorganisator mit von der Partie. Wie Christian Schlademann sagte, sind die Hofer zwar bisher als normale Gäste bei Wunsiedel ist bunt dabei gewesen, diesmal haben sie aber Kurzfilme im Gepäck. Von 17 bis 18.45 Uhr verwandeln sich die Räume im Marktplatz 1 in ein Kino. "Wir haben mit der EJBA ein Kurzfilmprojekt gestartet, das sich mit den Themen Ausgrenzung, Diskriminierung, Toleranz und Respekt befasst hat. Herausgekommen sind interessante Kurzfilme, die zum Nachdenken anregen sollen", erläuterte Schlademann. Im Pop-up-Kino am Marktplatz 1 laufen die Filme in zwei Staffeln ab 17 und ab 18 Uhr.

Ein "absolutes Highlight" erwartet die Besucher laut Nanne Wienands von der "Allianz gegen Rechtsextremismus" in der Stadtkirche Sankt Veit. "Irith Gabriely gilt als Queen of Klezmer und ist weltweit bekannt." Sie wird unterstützt vom Pianisten Peter Przystaniak. Das Duo stehe seit 20 Jahren auf der Bühne und wandle sicher zwischen Klezmer und Klassik. Die beiden treten um 17 und 18 Uhr in der Stadtkirche auf.

Ebenfalls Kultcharakter haben Wulli Wullschläger und Sonja Tonn im Raum Nürnberg, die um 17 und 18 Uhr im Mehrgenerationenhaus "Lieder für den Frieden" singen werden. Dabei handelt es sich laut Nanne Wienands um Schlager und alte Songs mit neuen Texten.

Um 17 und 18 Uhr zeigen die Schüler der Münster-Mittelschule Hof ein Nachdenkprojekt zum Thema "Ausgrenzung gestern und heute". Zugrunde liegt dem Hörspiel und der Mitmach-Aktion ein Buch über das jüdische Leben in Hof und jüdische Schicksale während der Nazizeit. Die Aktion findet im evangelischen Gemeindehaus statt.

Nach der Abschlusskundgebung um 19 Uhr auf dem Marktplatz ist das Programm noch nicht beendet. Wie Christine Lauterbach sagte, beginnt um 19.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus eine Lesung mit dem "Spiegel"-Journalisten Hasnain Kazim, der über Hass-Kommentare im Internet spricht.

Schließlich findet um 19.30 Uhr in der katholischen Kirche noch ein Konzert des Frauenchors Schönbrunn über das Leben von Jochen Klepper statt, der einen großen Teil der Lieder des evangelischen Gesangbuchs geschrieben hat.

Zwischen 16 und 19 Uhr lädt zudem das Juko-Mobil am Marktplatz ein, kreativ zu sein.

Autor

Matthias Bäumler
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
11. 11. 2019
18:22 Uhr

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Matthias Bäumler

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Veröffentlicht am:
11. 11. 2019
18:22 Uhr



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