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Kulmbach

Als Schmidt die Kulmbacher begeisterte

Bei seinem Kulmbach- Besuch im Juli 1969 spricht Helmut Schmidt vor 5000 Menschen über Hausfrauenrente und die Landwirtschaft. Doch in Erinnerung bleibt das Charisma des Hamburgers.



Im dichten Gedränge schreibt Helmut Schmidt 1969 in Kulmbach Autogramme. Fotos: Stadtarchiv Kulmbach
Im dichten Gedränge schreibt Helmut Schmidt 1969 in Kulmbach Autogramme. Fotos: Stadtarchiv Kulmbach   » zu den Bildern

Kulmbach - "Das trifft mich zutiefst", sagt Robert Hartmann über den Tod von Helmut Schmidt. Hartmann, der ehemalige Vorsitzende der Kulmbacher SPD-Stadtratsfraktion, ist dem Bundeskanzler mehrmals persönlich begegnet. "Er war der große Stolz unserer Generation", betont der 90-Jährige. "Er hat mich immer fasziniert, seine aufrechte Art und seine Verlässlichkeit." Im Alter von 96 Jahren verstarb Helmut Schmidt am Dienstag in Hamburg. Seinen Besuch in Kulmbach am 6. Juli 1969 haben viele Kulmbacher nie vergessen. Schmidt redete vor 5000 Menschen im Mönchshof-Biergarten bei schwülwarmem Wetter bis zur Erschöpfung.

Schmidt kam 1969 als Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag zum Wahlkampfauftakt nach Kulmbach. Der Besuch ist im Stadtarchiv dokumentiert. Der Politiker reiste mit seiner Frau Loki im Flugzeug an. Sie landeten mit der zweimotorigen Propellermaschine auf dem Flugplatz und nahmen zuerst einen Termin im Rathaus wahr. Auf der Treppe spielte der Musikverein ein Standkonzert und im Sitzungssaal trug sich Helmut Schmidt ins Goldene Buch der Stadt ein.

Die Bierbänke unter den Kastanien im Mönchshof in der Blaich reichten bei Weitem nicht aus. Viele Besucher standen dicht gedrängt vor der Bühne. Einige hatten ihren Fotoapparat mitgebracht und machten einen Schnappschuss von dem prominenten Gast.

Schmidt kämpfte sich durch den Pulk der Autogrammjäger bis an das blumengeschmückte Rednerpult. Hinter ihm an der Wand standen in großen Lettern die Schlagworte "Erfolg, Stabilität, Reformen", mit denen die SPD bei der bevorstehenden Bundestagswahl die Wähler erreichen wollte. Bevor der Hamburger das Wort ergriff, flogen sein Sakko und die Krawatte in die Ecke.

Mit aufgekrempelten Hemdsärmeln sagte Schmidt, die SPD habe in der Großen Koalition viel erreicht. Gleichwohl werde die CDU/CSU immer der politische Gegner bleiben. Das Bafög für Studenten und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall seien die besonderen Erfolge in der Regierungszeit von 1966 bis 1969.

In der Außenpolitik forderte Schmidt bei seiner Rede in Kulmbach einen klaren Kurs. Das Verhältnis zur DDR solle besser werden. Das geschehe nicht, indem man sich gegenseitig Bösartigkeiten an den Kopf wirft, sondern durch Leute, die illusionslos aufeinander zugehen.

Innenpolitisch nannte der SPD-Fraktionsvorsitzende die Hausfrauenrente als wichtigste Zukunftsaufgabe. Zudem müsse die Landwirtschaft von überalterten Strukturen befreit werden. Es brauche Ansiedlungen von Industrie und Gewerbe auf dem Land.

Die Einschätzung Schmidts zu den Parteien gilt bis heute: Es existiere keine Partei, mit der der Wähler zu 100 Prozent einverstanden sein kann. Schmidt selbst sei mit seiner Partei nicht immer einverstanden und die SPD mit ihm schon gar nicht. Wenn jemand aus irgendeiner Partei verspricht, es allen recht zu machen, dann stimme etwas nicht in seinem Kopf oder er sei ein politischer Scharlatan. Die deutsche Politik könne Leute nicht gebrauchen, die jedermann nach dem Mund reden. Das war die Überzeugung des Hanseaten Helmut Schmidt.

Die Beobachter des Wahlkampfauftritts stellten fest, dass Schmidt als Redner einmal mehr überzeugt hat. Sie attestierten Temperament und Charisma. Doch die Leidenschaft hatte ihren Preis. Helmut Schmidt war ausgelaugt. Mit der Hand umklammerte er sein Redemanuskript, verließ langsam die Bühne und stand kurz vor der völligen Erschöpfung.

Später überreichten die Vertreter des SPD-Unterbezirks Helmut Schmidt zum Dank ein Fass Bier. Zu diesem Zeitpunkt hat sich der SPD-Fraktionschef wieder erholt und lächelt mit Sakko und ohne Krawatte zusammen mit den örtlichen Honoratioren in die Kamera.

Der damalige Kulmbacher Bundestagsabgeordnete Karl Herold hatte einen guten Draht zum späteren Bundeskanzler, erinnert sich Robert Hartmann. Schmidt hatte Herold bereits 1967 in seiner oberfränkischen Heimat aufgesucht. Der prominente SPD-Mann galt als Freund Kulmbachs und des Zonenrandgebietes. Einen noch engeren Bezug zur Region hatte Schmidts Ehefrau Loki. Denn sie war 1940 während der Bombardierung Hamburgs im Zweiten Weltkrieg über die Kinderlandverschickung nach Kulmbach und Hutschdorf gelangt.

Er war der große Stolz unserer Generation.

Robert Hartmann von der Kulmbacher SPD über Helmut Schmidt

 
Im Goldenen Buch

Helmut Schmidt hat sich am 6. Juli 1969 im Goldenen Buch der Stadt Kulmbach verewigt. Der Eintrag im Wortlaut:

 

Die Stadt Kulmbach ehrt in Helmut Schmidt, dem Fraktionsvorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands im Bundestag,

den Staatsmann

von überlegener politischer Gestaltungskraft und schlagfertiger Beredsamkeit,

den Staatsbürger

von echter demokratischer Gesinnung und unerschrockenem Wahrheitsmut,

den Menschen

von aufrichtiger Humanität und unbestechlicher Sachlichkeit.

 
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Von Stefan Linß
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Veröffentlicht am:
11. 11. 2015
00:00 Uhr

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Von Stefan Linß

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11. 11. 2015
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