Lade Login-Box.
Topthemen: 30 Jahre GrenzöffnungBlitzerwarnerVER Selb

Selb

Endlich eine Familie - mitten im Wald

Acht Jugendliche wohnen im Gut Blumenthal bei Selb. Sie haben zum Teil schon in frühester Kindheit Schlimmes erlebt.



Anja Lange (links) und Lena Klughardt helfen traumatisierten Jugendlichen beim Start in ein besseres Leben. Das Bild entstand im Werkraum des Gutes Blumenthal. Foto: Matthias Bäumler
Anja Lange (links) und Lena Klughardt helfen traumatisierten Jugendlichen beim Start in ein besseres Leben. Das Bild entstand im Werkraum des Gutes Blumenthal. Foto: Matthias Bäumler  

Selb - Eine Mutter stellt ihr Baby vor die Tür des Jugendamtes und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Ein Mädchen wird über Jahre von ihrem Vater missbraucht. Keiner merkt es, bis sie sich einem Lehrer anvertraut. Die Eltern eines Jugendlichen sorgen sich mehr um den Nachschub an Drogen als um ihren Sohn. Es sind schreckliche Schicksale, die auf den Seelen der Jugendlichen lasten. Familie ist für sie jahrelang nichts als ein Wort ohne Inhalt. Heute leben sie in der traumatherapeutischen Wohngruppe des evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks (EJF) in Gut Blumenthal.

Großer Weihnachtsmarkt

Zum zwölften Mal veranstaltet das Gut Blumenthal am Sonntag von 13 bis 18 Uhr einen großen Weihnachtsmarkt. Die Jugendlichen

haben den Markt vorbereitet. Im Angebot sind Holzbasteleien, Kunstwerke, Liköre und vieles andere, das die Bewohner selbst hergestellt haben. Auch kulinarisch bleiben keine Wünsche offen.


Hier sollen sie vor allem eines: zur Ruhe kommen und endlich Geborgenheit genießen können. "Wir wollen den Jugendlichen alle Unterstützung geben, die sie bisher nicht bekommen haben", sagt Bereichsleiterin Lena Klughardt. Sie leitet das Haus mit den 15 Mitarbeitern und acht jugendlichen Bewohnern.

Meist dauert es Jahre, bis die Mädchen oder Jungen vor Lena Klughardt oder einer Kollegin sitzen und "Ja" sagen. Eine ganze Serie von Straftaten, aggressiven Anfällen, Alkohol- oder Drogenmissbrauch und Aufenthalten in der Jugendpsychiatrie sind meist vorausgegangen, bis das entscheidende Gespräch zwischen Mitarbeitern eines Jugendamtes, denen der EJF und den Jugendlichen stattfindet. "Keiner wird gezwungen, bei uns zu leben. Wer nicht freiwillig ins Gut Blumenthal ziehen will, der muss nicht", sagt Anja Lange, die Verbundleiterin des EJF.

Am Anfang kommt der Schock. Fast jeder Jugendliche zückt schon kurz nach seiner Ankunft reflexhaft sein Smartphone und stellt dann fest, dass es im Haus kein Wlan gibt. Von einer Sekunde auf die andere landen die Mädchen und Jungen in einer regelrechten Retro-Welt. Smartphone: im Grunde nutzlos. Fernsehen: nur zu bestimmten Zeiten. Telefonieren: nur über das Festnetz. "Obwohl sich viele Menschen heute dieses Leben nicht vorstellen können, bringt es unseren Jugendlichen unheimlich viel. Sie können sich nicht dauernd ablenken und kommen so wesentlich besser zur Ruhe."

Statt Dauerberieselung oder Drogen gibt es im Gut Blumenthal Menschen, die rund um die Uhr für die acht Bewohner da sind. "Natürlich dauert es oft Monate, ja auch schon mal ein Jahr, bis die Jugendlichen hier ankommen und sich stabilisieren", sagt Lena Klughardt. Erst danach könne man therapeutisch arbeiten.

Es dauert aber viel länger als ein Jahr, bis die Jugendlichen ihre schlimmen Erlebnisse verarbeitet haben. Manchmal wird das sogar nie ganz der Fall sein. Gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit sind die Sozialpädagogen und Erzieher für die Mädchen und Jungen daher enorm wichtig, damit sie nicht wieder in ein tiefes Loch fallen. "Manchmal ploppen die Traumata regelrecht wieder auf. Daher sind 365 Tage im Jahr rund um die Uhr mindestens je zwei Mitarbeiter für unsere Kinder da", wie sie Anja Lange nennt. Tatsächlich gleicht das Leben im Gut Blumenthal dem einer Familie. Und tatsächlich genießen es die Jugendlichen sogar manchmal, wieder Kind sein zu dürfen. "Mancher holt hier regelrecht seine Kindheit nach, die er nie gehabt hat", berichtet Lena Klughardt. So können sich auch kleine Erwachsene noch für ein Schokoladen-Wettessen begeistern. Manch einer fängt an, mit Legosteinen zu basteln oder lenkt Matchbox-Autos über einen Straßenteppich. "Natürlich dürfen sie das. Warum auch nicht?"

Erstaunt ist die Sozialpädagogin immer wieder, dass die Jugendlichen auch untereinander ungemein tolerant sind. Niemand sage zum Beispiel etwas über ein Mädchen, das hier als Junge leben wolle. "Ich wünschte mir diese Toleranz manchmal auch unter Erwachsenen."

Haben sie sich an das Retro-Leben erst einmal gewöhnt, sind die Jugendlichen mit ihrem Alltag mitten im Wald in aller Regel glücklich. Seit 2016 - so lange gibt es die traumatherapeutische Wohngruppe - ist noch niemand ausgebüxt. Ein Grund dürfte sein, dass es viele Freiheiten gibt. So sollen die Bewohner sich in Selber Vereinen engagieren, Eishockeyspiele oder andere Veranstaltungen besuchen und auch mal bei Freunden übernachten.

Laut dem EJF-Konzept sollen die jungen Menschen mithilfe der Pädagogen und des Psychologen belastende Situationen verarbeiten und diese als Teil ihrer Biografie akzeptieren. Manchmal komme aber gerade in der Nacht alles wieder hoch. "Daher sind auch nachts immer zwei Pädagogen anwesend, einer hat Bereitschaft und schläft, der andere bleibt wach, um im Fall der Fälle sofort eingreifen zu können", sagt Lena Klughardt. Fast alle Bewohner litten immer wieder unter Einschlafstörungen. Umso wichtiger sei es daher, ihnen eine Art Familienersatz zu bieten.

Dazu gehört auch das große Weihnachtsessen am 20. Dezember. "Klar gibt es da Gans oder Rouladen mit Knödeln und Kraut - ganz traditionell eben." Immer wieder hat die Sozialpädagogin erlebt, dass Jugendliche, die neu hinzugekommen sind, zum ersten Mal in ihrem Leben Knödel essen. Ein Mädchen sagte im vergangenen Jahr, dass sie sich das erste Mal in ihrem Leben zu Hause fühle. "Das hat uns zu Tränen gerührt. Andererseits ist es erschreckend, dass ein junger Mensch erst 17 Jahre alt werden muss, um so etwas zu erleben."

Wichtig ist der EJF, dass die Bewohner eines Tages ein selbstständiges und selbstbewusstes Leben führen können. Deshalb besuchen die Jugendlichen auch die Schulen in Selb oder erhalten - falls das zunächst noch nicht möglich ist - Heimunterricht. Ein Lehrer der Siebensternschule steht bei Bedarf zur Verfügung. "Immer wieder kommt es vor, dass jemand nicht sofort in der Lage ist, einen Unterrichtsalltag auszuhalten", sagt Lena Klughardt. Die meisten schafften dies aber über kurz oder lang und seien in ihren Klassen gut integriert.

In der Regel bleiben die Jugendlichen etwa drei Jahre in der Wohngruppe, wo jeder ein eigenes Zimmer mit Bad besitzt. Dies sei kein Luxus, sondern wichtig, da die Bewohner in ihren Familien keinerlei Privatsphäre genossen hätten, erläutert Anja Lange. Gut 80 Prozent meistern einen Schulabschluss und beginnen eine Lehre. "Wir lassen aber auch dann niemanden alleine, wenn er auszieht. Gerade in diesen Lebensübergängen benötigen die Mädchen und Jungen Unterstützung." Die erhalten sie in einer EJF-Außenwohngruppe in Selb.

Autor

Matthias Bäumler
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
03. 12. 2019
17:12 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Drogen und Rauschgifte Evangelische Kirche Familien Kinder und Jugendliche Lehrerinnen und Lehrer Mädchen Psychologinnen und Psychologen Pädagogen und Erziehungswissenschaftler Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen Weihnachten - Essen und Trinken Weihnachtsmärkte
Selb
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
"Mama Brique" zu Besuch, ein neuer Speisesaal und zum ersten Mal Kakao trinken - die Kinder im "Live and learn in Kenia Education Centre" in Nakuru erlebten eine aufregende Woche.

12.11.2019

Immer mit viel Herz und einem Fuß in Nakuru

Brique Zeiner vom Verein "Leben und lernen in Kenia" kommt gerade aus Afrika zurück. Die rührige Selberin hat wieder viel zu erzählen. » mehr

Die Luitpoldschüler und die zweite Bürgermeisterin Dorothea Schmid bei der Baumschmuckaktion vor dem Bauhaus-Museum in Weimar. Foto: Silke Meier

29.11.2019

Botschafter aus dem Fichtelgebirge

Die Viertklässler der Selber Luitpoldschule schmücken einen Weihnachtsbaum in Weimar - natürlich mit Porzellananhängern im Bauhausstil. » mehr

Der Kinder- und Jugendchor der Stadtkirche unter der Leitung von Dekanatskantorin Constanze Schweizer-Elser bei seinem Auftritt auf der Kirchentreppe.

29.11.2019

Pötzsch knipst den Christbaum an

Der Oberbürgermeister eröffnet am Freitagabend vor Hunderten von Besuchern den Weihnachtsmarkt. Auf die Besucher wartet ein großes Programm. » mehr

Klein, aber fein: Einheimische und Auswärtige schätzen die lauschige Atmosphäre des Selber Weihnachtsmarkts.	Archivbild: Silke Meier

22.11.2019

Es weihnachtet in der Stadt

In Selb wird es an den Adventswochenenden gemütlich: Unter dem größten mit Porzellan geschmückten Baum stimmen sich Bürger und Besucher ab Freitag ein. » mehr

Die Klassen 4e und 4f der Luitpold-Grundschule nach ihrer Baumschmuck-Aktion im Porzellanikon in Selb-Plößberg zusammen mit den Ehrengästen. Foto: Silke Meier

25.10.2019

Christbaumschmuck im Bauhaus-Stil

Viertklässler der Selber Luitpoldschule setzen die Tradition im Porzellanikon fort. Der geschmückte Baum soll in Weimar für Furore sorgen. » mehr

Vor der Handwerkskammer könnte der "Notkindergarten" entstehen. Wie Oberbürgermeister Pötzsch sagt, wird darüber aber noch mit den möglichen Trägern diskutiert. Foto: Florian Miedl

03.05.2019

Mehr Kita-Plätze für Selber Kinder

Die Zahl der Mädchen und Jungen nimmt wieder zu. Mit dem Bau einer Kindertagesstätte als Übergangslösung will der Stadtrat das "positive Problem" lösen. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Krampusse in Marktredwitz Marktredwitz

Krampuslauf in Marktredwitz | 08.12.2019 Marktredwitz
» 74 Bilder ansehen

Q11 MGF pres. Froh und Hacke! Schwingen 06.12.2019

Froh und hacke in Schwingen: Q11 MGF | 07.12.2019 Schwingen
» 65 Bilder ansehen

Selber Wölfe - EV Lindau

Selber Wölfe - EV Lindau | 06.12.2019 Selb
» 31 Bilder ansehen

Autor

Matthias Bäumler

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
03. 12. 2019
17:12 Uhr



^